Tod im
Schlaf
Ein
okkulter Mord
Es war der Anfang des Monats und ich fuhr wie gewöhnlich mit der Straßenbahn zum Sozialamt, das mir für meinen Lebensunterhalt Hilfe gewährte, wo ich mir meinen Anteil abholen wollte.
Dort angekommen, zog ich meine Wartenummer und setzte mich, gelassen auf meinen Aufruf wartend.
Außer einigen skurrilen Gestalten, die es sich dort bequem gemacht hatten und mehr oder weniger berauscht waren, war der Warteraum fast leer. Wie immer musterte ich die Anwesenden ausgiebig, wobei ich mich immer wieder wunderte, wie man bei solch heruntergekommenen Gestalten, manchmal überraschend auf sehr lobenswerte Seiten stieß.
Nach einer Weile betrat ein Mann im mittleren Alter mit hastigen Schritten den Warteraum, ging auf den Automaten zu, zog eine Nummer und setzte sich dann auf die Bank. Er machte einen etwas gehetzten Eindruck, wie man es von Leuten gewöhnt ist die sich verfolgt fühlten. Außerdem hatte er etwas Hartes in seiner Haltung. Der Mann begann mich irgendwie zu interessieren und ich betrachte und studierte ihn genau. Als er gewahr wurde, daß ich ihn beobachte, fuhr er auf und starrte mich mit einem forschenden Blick an, der mich festnagelte und nicht wieder losließ.
Es war mir unangenehm, wie er mich so unverhohlen anstarrte. Ich bemerkte keinerlei Zeichen eines Gefühls in seinen Augen, etwa wie man es bei psychisch Kranken gewohnt ist. Alles drückte an ihm Gewaltbereitschaft aus. Wehe dem der seinen Händen ausgeliefert gewesen wäre. In seinen Augen starrte der nackte Haß. Ich verspürte wie etwas in mir sich aufbäumte und ihn zurechtweisen wollte. Aber ich beherrschte mich und blickte nach vorn.
Etwas wuchs an Stärke in mir und ich hielt seinem forschenden Blick stand. Er erinnerte mich an einen Menschen der getötet hatte. Nur das konnte mir die Kälte erklären, die von ihm ausstrahlte.
Obwohl niemand aufgerufen war, stand er plötzlich auf und öffnete die Tür zum Sprechzimmer. Da er nach mir gekommen war, ärgerte ich mich über sein Vordrängeln. Ich verließ mich auf den Beamten, der ihn dann auch zum Warten verwies. Er schien sich aber nicht abwimmeln zu lassen und redete auf ihn ein, bis dieser ihn schließlich hineinließ. Ärgerlich beobachtete ich diesen Vorgang, verstimmt über sowenig Courage des Beamten, der die Warteregeln hier nicht eingehalten hatte.
Nach einer Weile kam er wieder heraus, offensichtlich zum Warten angewiesen. Er blieb kurz vor der Tür stehen, um auf seinen Aufruf zu warten.
Ich erhob mich, ging zur Tür des Sprechzimmers und klopfte. Als er bemerkte, daß ich das Zimmer betreten wollte, sagte er mit etwas dünner, abweisender Stimme: "Der Herr ist beschäftigt!"
"Macht nichts", sagte ich ebenso kühl und betrat das Zimmer. Da ich nur etwas abzuholen hatte, wurde mein Anliegen schnell erledigt und ich konnte das Amt wieder verlassen.
Als mir später am Abend diese Begegnung wieder ins Gedächtnis kam, war ich mir ziemlich sicher einen Mörder gesehen zu haben. Vor einigen Wochen hatte man im naheliegenden Kapuzinerkloster einen Odachlosen ermordet, der dort im Garten genächtigt hatte. Ob da ein Zusammenhang bestand? Ich vergaß das Ganze bald wieder und einige Tage vergingen.
Die Sonne schien, der Tag war herrlich, es war Sommer. Ich begab mich am Nachmittag auf einen kleinen Spaziergang an die Isar, die nicht weit von mir durch ihre grünen Auen dahin floß.
Nachdem ich von der Brücke in den kleinen Weg am Fluß eingebogen war, lag links von mir ein kleiner Platz, der Treffpunkt alkoholabhängiger Obdachloser war. Sie lungerten wie immer dort herum, und bedienten sich am dortigen Kiosk und wie immer störte mich ihr Anblick. Ich kann unserer Gesellschaft diesen Mangel an Verantwortung nicht verzeihen. Mit welch fadenscheinigen Argumenten entschuldigt man dieses Problem!
Plötzlich erschien von links eine Gestalt und wollte meinen Weg überqueren. Als sie näher kam, bemerkte ich, daß es sich um genau diesen Mann handelte, dem ich im Sozialamt begegnet war. Als er mich sah, blieb er ruckartig stehen, schien mich zu erkennen und starrte mich wieder mit diesem forschenden starren Blick an. Ich glaubte den Anflug eines leichten Lächelns in seinem Gesicht zu sehen als er mich betrachtete und er senkte seine Augen, - ich hatte ihn besiegt. Ruhig ging ich weiter, festentschlossen ihm nicht auszuweichen. Da er sich wieder in Bewegung gesetzt hatte, streifte er leicht meine Schulter und ich verspürte einen harten Schlag.
Ich drehte mich noch einmal um, doch er ging mit weit ausholenden Schritten weiter und entfernte sich schnell in Richtung Stadt.
In dieser Nacht hatte ich einen seltsamen Traum.
Noch mal begegnet ich ihm dort im Traum. Als er vor mir stand, fühlte ich plötzlich den großen Wunsch in mir ihn zu töten. Ich wollte ihm das antun, was er wahrscheinlich anderen angetan hatte. Eine Art gerechter Zorn überkam mich. Ich fühlte in meiner Hand ein Stilett und umschloß es mit großer Kraft. Langsam und zielsicher setzte ich es auf sein Herz und stieß es ihm mit großer Genugtuung tief hinein. Er verging unter meinen Händen.
Nie wieder sollte ich diese Gestalt sehen. In mir wuchs die Gewißheit, - er war tot.
R.Helmecke
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