Die Ebenen unserer Existenz

Vorwort vom Webmaster: Schri Aurobindo gibt hier eine Beschreibung der Welten, die über der materiellen liegen und ihrer Beziehungen im menschlichen Körper. Die Lebenswelt ist die im europäischen Sprachgebrauch auch Astralwelt genannte, mit der darüber folgenden Geistwelt, der Himmel unserer Ahnen.


Wie es ein Verhältnis in den Beziehungen zwischen dem purusha und der prakriti gibt, in dem die Materie die erste entscheidende Macht ausübt, also eine Welt der materiellen Existenz, so gibt es eine andere Welt über ihr, in der nicht die Materie am höchsten steht, sondern eine Lebenskraft deren Platz als erste Bestimmungsmacht einnimmt. In dieser Welt entscheiden nicht Formen über die Bedingungen des Lebens, sondern das Leben entscheidet über die Form. Darum sind hier die Gestaltungen viel freier, in veränderlichem Fluß und (für unsere Auffassung in einer fremdartigen Weise) in weitem Umfang variabler als in der materiellen Welt. Diese Lebenskraft ist keine unbewußte materielle Kraft und abgesehen von ihren niedersten Bewegungen keine elementare unterbewußte Energie. Vielmehr ist sie eine bewußte Kraft des Seins, die zwar auch auf Gestaltung aus ist, aber viel stärker auf Genießen, Besitzen und Befriedigung ihres eigenen dynamischen Impulses. Darum sind Begehren und Befriedigung des Impulses erstes Gesetz dieser Welt ausschließlich vitalen Daseins, dieses Kräfteverhältnisses der Beziehungen zwischen Seele und Natur, in dem die Lebensmacht ihr Kräftespiel mit viel größerer Freiheit und Wirkungsenergie treibt als in unserem physischen Dasein. Man kann diese Welt die Welt des Verlangens nennen, denn das ist ihr charakteristisches Prinzip. Außerdem ist sie nicht in einer nur schwer zu verändernden Formel festgelegt, wie es das physische Leben zu sein scheint. Vielmehr ist sie vielfacher Variationen ihres Kräfteverhältnisses fähig. Diese Vitalwelt läßt viele Unter-Ebenen zu, die von jenen, die an die materielle Existenz heranreichen und in diese verschmelzen, bis zu denen reichen, die auf der höchsten Höhe der Lebensmacht die Bereiche rein mentaler und psychischer Existenz berühren und mit diesen verschmelzen. Es gibt auf der unendlichen Skala der Natur keine weiten Abgründe, keine abrupten Klüfte, über die man hinüberspringen muß. Vielmehr herrscht dort ein Verschmelzen des einen mit dem anderen in höchst feiner Kontinuität. Aus dieser erschafft die Macht ihrer unterscheidenden Erfahrung jene ordnenden Bestimmungen, jene definitiven Bereiche und unterschiedlichen Stufenfolgen, mittels derer die Seele auf verschiedene Art die Möglichkeiten ihres Welt-Seins erkennt und sich zu eigen macht. Da die genießende Freude auf die eine oder andere Weise das ganze Ziel des Verlangens ist, muß sie auch die Grundtendenz in der Welt des Verlangens sein. Weil aber überall, wo die Seele nicht frei ist (und sie kann, solange sie dem Verlangen unterworfen ist, nicht frei sein), stets das Negative wie das Positive all ihrer Erfahrung vorhanden sein muß, enthält diese Welt nicht nur die Möglichkeit großer, intensiver und dauernder Freuden, die für das begrenzte physische Mental fast unvorstellbar sind, sondern auch die Möglichkeit enormen Leidens. Hier befinden sich deshalb die niedersten Himmel und alle Höllen mit ihrer Tradition und Phantasiewelt, womit sich das menschliche Mental seit den frühesten Zeiten verführt und erschreckt hat. Alle menschlichen Phantasien haben in der Tat ihren Ursprung in einer Wirklichkeit oder realen Möglichkeit, wenn sie auch an sich eine nur ungenaue Repräsentation sind oder in allzu physische Bilder verhüllt und darum ungeeignet sein mögen, die Wahrheit der supraphysischen Wirklichkeiten zum Ausdruck zu bringen.

Da die Natur eine komplexe Einheit und keine Sammlung beziehungslos nebeneinander stehender Erscheinungen ist, kann es keinen unüberbrückbaren Abgrund zwischen der materiellen Existenz und dieser vitalen Welt des Verlangens geben. Im Gegenteil kann man sagen, daß diese Welten ineinander bestehen und wenigstens zu einem gewissen Grad voneinander abhängig sind. Tatsächlich hat die vitale Weit irgendwie die materielle Welt aus sich heraus projiziert und von sich abgesondert, um einige ihrer Begehren unter anderen als den ihr eigenen Bedingungen zu verkörpern und zur Erfüllung zu bringen, wenn sie auch das logische Ergebnis ihrer eigenen materiellen Bestrebungen sind. Man kann vom Leben auf der Erde sagen, es sei das Resultat des Drucks dieser Lebenswelt auf die materielle unbewußte Existenz des physischen Universums. Das in uns sichtbar hervorgetretene vitale Wesen ist an seiner Außenseite ebenfalls nur eine Auswirkung eines umfassenderen und tieferen vitalen Wesens, das seinen eigentlichen Sitz in der Lebens-Ebene hat und durch das wir mit der Lebenswelt verbunden sind. Außerdem wirkt die Lebenswelt ständig auf uns ein, und hinter allen Erscheinungen der materiellen Existenz stehen die entsprechenden Mächte aus der Lebenswelt. Selbst die gröbsten und elementarsten haben hinter sich elementare Lebensmächte und elementare Wesen, durch die sie gestützt und erhalten werden. Die Einflüsse der Lebenswelt ergießen sich ständig in die materielle Existenz und produzieren hier ihre Mächte und Ergebnisse, die wieder zurück auf die Lebenswelt wirken, um diese zu verändern. Hiervon wird die Lebens-Seite, die Begehrens-Seite in uns, stets berührt und beeinflußt. Auch gibt es gutwillige und böswillige Mächte eines guten und eines bösen Begehrens, die sich auch dann mit uns befassen, wenn wir nichts davon wissen und uns gar nicht um sie kümmern. Diese Mächte sind aber nicht nur Tendenzen, unbewußte oder (abgesehen von denen, die am Rande der Materie existieren) unterbewußte Kräfte. Vielmehr sind sie bewußte Mächte, Wesen und lebendige Einflüsse. Wenn wir zu den höheren Ebenen unserer Existenz erwachen, werden wir ihrer gewahr, daß sie unsere Freunde oder Feinde sind: Mächte, die uns von sich besessen machen wollen oder die wir zu meistern, zu überwinden, über die wir hinauszukommen und die wir dann hinter uns zu lassen vermögen. Die Möglichkeit einer solchen Beziehung des menschlichen Wesens zu den Mächten der Lebens-Weit hat in großem Maß den Okkultismus in Europa, besonders im Mittelalter, aber auch gewisse Formen der östlichen Magie und des Spiritualismus beschäftigt. Doch standen hinter dem "Aberglauben" der Vergangenheit (und es gab viel Aberglauben, viel unwissenden und entstellten Glauben, falsche Erklärungen und finsteren, groben Umgang mit den Gesetzen des Jenseitigen) Wahrheiten, die eine zukünftige Wissenschaft wiederentdecken könnte, wenn sie von ihrer einseitigen Gebundenheit an die materielle Weit befreit ist. Das Supra-Materielle ist ebenso gut eine Realität wie die Existenz mentaler Wesen im materiellen Universum.

Warum nehmen wir normalerweise so wenig von dem wahr, was hinter uns steht und ständig seinen Druck auf uns ausübt? Der Grund hierfür ist derselbe wie für die Tatsache, daß wir des inneren Lebens unserer Nächsten nicht gewahr werden, obwohl es ebenso vorhanden ist wie unser eigenes und ständig einen verborgenen Einfluß auf uns ausübt. Ein großer Teil unserer Gedanken und Gefühle kommt von außen, von unseren Mitmenschen zu uns, vom einzelnen wie vom kollektiven Mental der Menschheit. Aus demselben Grund werden wir des größeren Teiles unseres eigenen Wesens nicht inne, der für unser waches Mental unterbewußt oder verborgen (subliminal) ist, uns immer beeinflußt und unsere äußere Existenz in geheimnisvoller Weise bestimmt. Der Grund ist, daß wir normalerweise nur unsere körperlichen Sinne verwenden und fast völlig im Körper, in der physischen Vitalität und im physischen Mental leben, durch die aber die Lebenswelt nicht direkt zu uns in Beziehung tritt. Das geschieht vielmehr durch andere "Hüllen" unseres Wesens (so werden sie in den Upanischaden genannt) oder durch andere "Leiber" (wie sie in einer späteren Begriffssprache bezeichnet werden): durch die mentale Hülle oder den feinstofflichen Leib, in dem unser wahres mentales Wesen lebt, und durch die Lebens-Hülle oder den vitalen Leib, der viel enger mit der physischen Hülle, der Nahrungshülle, verbunden ist und zusammen mit dem grobstofflichen Körper unsere komplexe Existenz bildet. Diese "Leiber" besitzen Mächte, Sinne und Befähigungen, die immer insgeheim in uns wirken, mit unseren physischen Organen und den verschiedenen Nervengeflechten unseres physischen Lebens und unserer physischen Mentalität verbunden sind und starke Einwirkung auf sie ausüben. Wir können durch Selbstentfaltung ihrer gewahr werden, unser Leben in ihnen in Besitz nehmen und durch sie in eine lebendige Beziehung zur Lebens-Weit und zu anderen Welten treten. So können wir diese auch für eine subtilere Erfahrung und für eine intimere Kenntnis der Wahrheiten, Tatsachen und Vorgänge der materiellen Weit selbst verwenden. Durch diese Selbst-Entwicklung können wir mehr oder weniger völlig auf Ebenen unserer Existenz leben, die anders sind als die materielle, die jetzt unser ein und alles ist.

Was von der Lebenswelt gesagt wurde, gilt mit den notwendigen Änderungen auch für die noch höheren Ebenen kosmischen Seins. Jenseits der vitalen und materiellen Schichten befindet sich eine mentale Ebene, eine Welt mentaler Existenz, in der weder das Leben noch die Materie der bestimmende Faktor ist sondern das Mental. Dort wird das Mental nicht durch materielle Bedingungen oder durch die Lebensmacht bestimmt, sondern es bestimmt sich selbst und verwendet jene für das, was ihm gefällt. Dort ist das Mental, d. h. das psychische und das intellektuelle Wesen, in einem gewissen Sinne frei, zumindest insoweit, als es sich selbst in einer so befriedigenden Weise zur Erfüllung bringen kann, wie das für unsere an den Körper und an das Leben gebundene Mentalität kaum vorstellbar ist. Dort ist der purusha das reine mentale Wesen, und seine Beziehungen zur prakriti werden durch dieses reine Mental-Sein bestimmt. Die Natur ist dort viel eher mental als vital und physisch. Die Lebens-Weit wie mittelbar auch die materielle sind eine Projektion aus der mentalen Welt, das Ergebnis gewisser Tendenzen des mentalen Wesens, die sich ein für sie geeignetes Feld, die Voraussetzungen für und eine Ordnung von Harmonien gesucht haben. Von den Phänomenen des Mentals in dieser Welt könnte man sagen, sie seien das Ergebnis des Druckes jener Mental-Ebene zunächst auf die Lebenswelt und dann auf das Leben in der materiellen Existenz. Wenn dieser Druck entsprechend modifiziert wird, schafft er in uns das Begehrens-Mental. Wenn das Mental in uns aber in seinem Eigenwesen richtig zum Ausdruck kommt, erweckt es in uns die reineren Mächte unseres psychischen und intellektuellen Seins. Unsere Mentalität ist an der Außenseite nur das abgeleitete Ergebnis einer umfassenderen, im Hintergrund verborgenen Mentalität, die ihren eigentlichen Sitz auf der mentalen Ebene hat. Auch diese Welt der mentalen Existenz wirkt ständig auf uns und auf unsere Weit ein, hat hier ihre eigenen Mächte und Wesen und steht mit uns durch unseren Mental-Leib in Beziehung. Dort finden wir die psychischen und mentalen Himmel, zu denen der purusha emporsteigen kann, sobald er den physischen Leib ablegt, und wo er sich so lange aufhält, bis ihn der Impuls zu irdischer Existenz wieder nach unten zieht. Auch hier gibt es viele Ebenen, von denen die niedersten mit Welten darunter zusammenfallen und mit diesen verschmelzen, während die höchsten auf den Höhen der Mental-Macht in Welten des geistigen Seins übergehen.

Diese höchsten Welten sind supramental. Sie gehören zum Prinzip des Supramentals, zur freien geistigen oder göttlichen Intelligenz oder gnosis und zum dreifachen spirituellen Prinzip von saccidananda. (Man nennt sie auch vijnana oder buddhi, ein Wort, das zu einigem Mißverständnis Anlaß geben kann, da es auch für die mentale Intelligenz verwendet wird, die aber nur eine niedere Ableitung aus der göttlichen gnosis darstellt). Aus diesen höchsten Weiten gehen alle niederen hervor, indem der purusha in spezifische oder engere Bedingungen des Kräftespiels der Seele mit ihrer Natur herabsinkt. Jene höchsten Welten sind nicht durch unüberbrückbaren Abgrund von uns getrennt. Sie wirken auf uns durch die sogenannte Erkenntnis-Hülle und die Hülle der Seligkeit ein, durch den Kausal-Leib oder den spirituellen Leib und weniger direkt, durch den mentalen Leib. Auch fehlen ihre verborgenen Mächte nicht im Wirken des vitalen und des materiellen Seins. Unser bewußtes spirituelles Wesen und unser intuitives Mental erwachen in uns als Ergebnis des Drucks dieser höchsten Welten auf das mentale Wesen im Leben und im Körper. Der Kausal-Leib ist aber wie wir erwähnten, bei den meisten Menschen nicht entwickelt. Darum ist es für das Wesen des Menschen am allerschwersten, in den supramentalen Ebenen zu leben oder zu ihnen emporzusteigen, zumal sie sich von den ihnen entsprechenden Unter-Ebenen im mentalen Wesen unterscheiden. Wie viel schwerer ist es, bewußt in ihnen beheimatet zu sein. Das kann im Trance-Zustand des samadhi geschehen. Abgesehen davon ist eine neue Evolution der Fähigkeiten des individuellen purusha notwendig, die ins Auge zu fassen nur wenige Menschen überhaupt willens sind. Der purusha kann jedoch allein durch diesen Zustand vollkommenen Selbst-Bewußtseins die volle bewußte Kontrolle über die prakriti ausüben. Hier bestimmt nicht einmal mehr das Mental. Vielmehr verwendet der Geist die niederen differenzierenden Prinzipien in freier Weise als untergeordnete Begriffe seiner Existenz, die von den höheren gelenkt werden und durch diese zu ihrer eigenen vollkommenen Wesensentfaltung gelangen. Nur so kommt die vollkommene Evolution des Involvierten, die Entwicklung des Unentwickelten zustande, nach der der purusha im materiellen Universum strebte und um derentwillen er die schwierigsten Bedingungen gleichsam in einem Ringkampf mit sich selbst auf sich genommen hat.

top || zurück

Auszug aus "Die Synthese des Yoga" von Schri Aurobindo erschienen im Verlag Hinder + Deelmann


© Webside Literaturen