Das Psychische Wesen


Der Begriff des psychischen Wesens hat eine spezielle Behandlung im Denken von Schri Aurobindo und der Mutter erhalten. Die Bedeutung die hier dem Ausdruck psychisches Wesen gegeben ist, wird in keiner anderen Philosophie, östlich oder westlich, gefunden. Im Westen meint Psyche normalerweise "Seele oder Spirit", etwas das nicht offensichtlich ist, das vom Körper unterschiedlich ist oder Geist dient als komplexes Zentrum von Gedanken, Gefühl und Handeln; dies ist sowas wie eine Kombination von dem, was wir das mentale und vitale Wesen nennen (siehe hierzu das Nachwort). Auch in Indien ist der genaue Begriff des psychischen Wesens in einigen der traditionellen Philosophien nicht enthalten. Obwohl gefragt werden könnte, ob das psychische Wesen, das solch eine zentrale Rolle in der spirituellen Evolution des Menschen spielt, nicht etwa das gleiche wie der Atman ist, das Selbst, die Seele, ist es nicht möglich einfach mit Ja oder Nein zu antworten.

Um eine adäquate Idee davon zu geben, was das Psychische Wesen bedeutet, müssen wir den Ursprung der Schöpfung berücksichtigen. Als der göttliche Spirit sich zu manifestieren beschloß, beschreibt die Upanischade, sprangen eine Million Funken aus dem zentralen Feuer, jeder Funke ein Teil dieses göttlichen Spirits. Jeder began mit einer Wahrheitsidee, um seiner eigenen Erfüllungskurve zu folgen. Nun wählten diese Millionen Ausströmungen vom göttlichen Spirit, ihre eigenen Manifestationskurven und jeder solcher Funke, stationierte sich am Haupt seiner Kurve. In der Philosophie von Schri Aurobindo und der Mutter wird dieser zentrale Teil der Göttlichkeit, die über der Kurve jeder Manifestation waltet, der Jivatman genannt. Er ist das göttliche Selbst in der Tat, jedoch das individualisierte Selbst zum Zwecke der Manifestation. Sie können sich vorstellen, daß es Millionen von solchen Individualisierungen des Selbstes gibt, doch bleibt das Selbst eins. Zum Zwecke der Schöpfung oder des Ausdrucks, ist es somit als viele Manifestationszentren formuliert.

Am Haupt jeder Manifestation - hier berücksichtigen wir nur jede menschliche Manifestation -- gibt es dann diesen Jivatman. Über der Evolution stehend, ist er nicht an ihr beteiligt. Er waltet über die Evolution der Wahrheitsidee, um die er von oben besorgt ist. Im Verlaufe der Evolution, projeziert der Jivatman einen kleinen Teil von sich, so wie einen Abgeordneten, als Funke. Dieser Funke des Göttlichen Selbstes, welches über ihn waltet, wird die psychische Essenz genannt. Es ist die Seelensubstanz. Es kann als ein kleiner Strahl vorgestellt werden, welcher von Geburt zu Geburt Erfahrungsstoff sammelt und eine Form entwickelt und sich allmählich zu einer Entität entwickelt und dann zu einem Wesen. Diese Evolution von der psychischen Essenz in das psychische Wesen, ist ein Grundbestandteil menschlicher Evolution.

Gibt es einen Unterschied zwischen der Seele und dem psychischen Wesen? Der Teil der Seele der an der Evolution teilnimmt, ist das Psychische Wesen. Der Teil der sich nicht an der Evolution beteiligt ist der Zeuge, er hält sich abseits; dieser Teil der Seele ist nicht das Psychische. Die so mit der Manifestation verbundene Seele, ist das Psychische Wesen. Das Psychische Wesen ist nie gleichbleibend; es wächst und seine Natur ist sich zu entwickeln.

Wo ist es genau gelegen? Die psychische Essenz ist im Inneren des Wesens. Als Essenz als solches, kann man das Psychische nicht fühlen, aber man kann anfangen etwas zu fühlen, wenn es eine gewisse Individualität erlangt. Der genaue Standort ist hinter dem Herzzentrum, was im Joga das Herzzentrum genannt wird. Hinter dem Punkt der Stelle vom Vital unterhalb und dem Geist oben, ist der Ort vom psychischen Wesen (Also zwischen Vital und Geist. A.d.Üb.). Das Psychische Wesen kann das wachsende Göttliche in Person genannt werden. Genauso wie es eine Unterscheidung zwischen dem Jivatman oben und dem Psychischen Wesen in der Evolution gibt, muß auch eine Unterscheidung zwischen dieser sich entwickelnden Göttlichen Entität in der menschlichen Form und dem, was die Gita als den in allen Kreaturen befindlichen Herrn beschreibt gemacht werden, der sie alle durch seine Maja, rundherum wie auf einer Maschine montiert bewegt. Dieser Herr ist irgendwo immer noch tiefer als das Psychische. Das Psychische Wesen kann als lebende Repräsentation des Göttlichen Herrn gesehen werden, aber es ist nicht selbst der Göttliche Herr.

Was genau stellt das Psychische Wesen nun dar, außer dem, daß es natürlich das Göttliche repräsentiert. Denn alles auf Erden, alles in der Evolution stellt das Göttliche dar. Schri Aurobindo hat erklärt, genauso wie Materie eine Projektion, eine Vertretung der reinen Existenz oben ist, so wie die Lebenskraft eine Projektion der Bewußtseins-Kraft und genau so wie der Geist eine Projektion des Übergeistes ist, ist das Psychische eine Projektion des Ananda, das Prinzip der Freude und Liebe des Göttlichen. Das Wachstum des Psychischen ist das Aufblühen von Freude, Glück und Liebe. Es ist für das Psychische Wesen ganz natürlich, sich des Elternteils vom Göttlichen, wovon es abgeleitet ist, bewußt zu sein. Das Psychische Wesen ist immer der Bhakta (der Liebende A.d.Üb.); Hingabe und Liebe sind ihm so natürlich, wie es uns das Atmen ist. Wenn ein Strahl vom Psychischen die Oberfläche von unserem äußerlichen Wesen erreicht, sind wir von einer von nichts abhängigen Freude erfüllt, wir werden uns der gewaltigen Göttlichkeit um uns bewußt, wir beginnen etwas Vielversprechendes zu sehen, etwas Heiliges in anderen und erkennen die Unendlichkeit in der Natur um uns.

Wenn der psychische Einfluß in einer Person zuzunehmen beginnt und sich selbst vermehrt im Individuum aufbaut, wird diese sich der Existenz des spirituellen Lebens bewußt. Der Mensch beginnt am gewöhnlichen Leben das er führt zu zweifeln und damit unzufrieden zu sein, er fragt sich, ob es keine befriedigendere größere und tiefere Realität gibt.

Für den spirituellen Sucher ist nicht der Geist, nicht das Vital, nicht der physische Körper von höchster Wichtigkeit, sondern das psychische Element in ihm. Tatsächlich muß der Sucher das Psychische Wesen nicht wirklich wecken, denn er hat sich dem Spirit zugewendet, er hat sich zum spirituellen Leben gewandt, weil das Psychische erwacht ist und seine mitgebrachten Gaben drücken auf sein externes Wesen. Was er tun muß, ist danach zu streben, daß mehr und mehr des psychischen Einflusses sein Wesen erreichen und sich gegenwärtig und fühlbar machen kann. Er muß seinen Willen ausüben und einen Teil seiner Aufmerksamkeit immer nach innen in Richtung des Psychischen wendend, es rufen und herausziehen.

Das Psychische zeigt sich immer in den Werten oder in den Kräften von Reinheit, Harmonie, Schönheit, Freude, Wahrheit. Dies sind keine zu lehrenden und zu kultivierenden Dinge. Sobald der psychische Einfluß beginnt zur Vorderseite zu kommen, sind dies Dinge die natürlich kommen; man erkennt die Wahrheit ganz spontan, fühlt die Reinheit und weist Unreinheit zurück, atmet eine unabhängige Freude aus und sendet ein Gefühl von Einklang und Liebe zu allen Kreaturen. Es ist doch klar, wenn der Sucher danach strebt und das Psychische Wesen von innen ruft, daß es seine Pflicht ist, ein Milieu, eine Umgebung innerhalb und um sich zu schaffen, das dem Hervorkommen des Psychischen dienlich ist. Notwendigerweise muß er von sich Bewegungen - geistige, emotionale und physische - entfernen, die entgegengesetzt von Reinheit, Harmonie, Glück, gutem Willen und Schönheit sind. Spuren von Häßlichkeit, Unordnung oder Unwahrheit stoßen das psychische Licht ab.

In Antwort zum Ziel des Suchers, sendet das Psychische Wesen zunächst seinen Einfluß. Das Psychische Wesen kann nicht sofort auftauchen, es sendet zuerst seine Strahlen und übt seinen Einfluß aus, um das äußere Leben zu modifizieren und zu formen. Schri Aurobindo beschreibt dieses Funktionieren in seinem großen Epos Savitri:

Unsere Seele wirkt von ihrer mysteriösen Kammer;
Ihr Einfluß drückt auf unser Herz und uns'ren Geist,
Sie stößt sie, deren sterblichen Dienst zu übersteigen.
Sie sucht nach dem Gutem, nach Schönheit und nach Gott.

Zuerst schickt es seinen Einfluß in zeitlichen Strahlen aus; dann, indem das äußere Wesen gereinigt und auf diese Art bereit wird, bleibt der Einfluß länger, es wird eine Gewohnheit der psychischen Wirkungsweise geschaffen. Und es ist nur am Ende einer langen, langen Reise persönlichen Selbstausrüstens und Entwicklung, daß das Psychische Wesen vollständig nach vorn kommt und sich der sprirituellen Ausfaltung der Person annimmt. (Die Tradition spricht von 30 Jahren. Webmaster.)

Es kann gefragt werden, ob das Psychische für spirituelles Erlangen unentbehrlich ist. Wenn es nur die Frage von Erlangen von Befreiung, moksha, Errettung, Loslösung von der Welt ist, ist der psychische Kontakt und Einfluß in der Tat nicht notwendig. Die gewöhnliche Loslösung der Seele, des Selbstes, ist ansich als der erste und entscheidende Schritt genug. Aber wo es die Frage der Unterwerfung der ganzen menschlicher Natur an die Wirkung der Transformation in Bezug auf den Spirit gibt, des mit dem ganzen Wesen die Barrieren von Unkenntnis und Unwahrheit Übersteigens und das Wachstum in das Reich von Licht und Wahrheit ist, ist die vermittelnde Rolle des Psychischen Wesens unentbehrlich. Das Psychische Wesen bringt einen nicht nur in Kontakt mit dem Göttlichen Herrn innen, sondern öffnet die Türen zum Aufstieg nach oben, zu den höheren Reichen vom sprirituellen Bewußtsein. Es gibt immer die Führung, es hält das Licht für die aufstrebende Seele, um die Höhen des Spirits zu erklimmen. Und wie Schri Aurobindo hinweist, ist das Psychische Wesen ein direkter Vertreter des transzendenten Göttlichen auf Erden. Seine Vertretung, seine Mittelsperson ist unentbehrlich. Er schreibt in Savitri:

Erde muß sich transformieren und dem Himmel gleichen,
Oder der Himmel in sterblichen Stand der Erde absteigen.
Damit aber solch gewaltiger spiritueller Wechsel sei,
muß aus der mystischen Höhle im Herzen der Menschen,
die himmlische Psyche den Schleier ablegen
und in das gedrängte Zimmer gewöhnlicher Natur eintreten,
aufgedeckt in dieser Naturen Vorderfront steh'n
und ihre Gedanken beherrschen und Körper und Leben füllen.

Soweit die Betrachtung des Psychischen Wesens im Mikrokosmos, in der Person. Wie in der Person, so im Universum. Gerade wie das psychische Prinzip oder Wesen hinter dem Schleier die Evolution die Person stützt, von der Unwissenheit zur Überbewußtheit, von Dunkelheit zum Licht, vom Tod zu Unsterblichkeit, durch unzählige Zeitalter, Geburten und Tode, ist es ebenso auch im Weltenschema die psychische Welt, die das terrestrische Schema stützt. In der Abstufung von Ebenen im terrestrischen Schema der Manifestation, gibt es die physische Welt die wir sehen, die Lebenswelt (die Astralwelt.) die nicht wahrnehmbar ist, gibt es die Welt des Geistes (die Mentalwelt.). Nun wird diese dreifache Welt in der Manifestation, die niedere Hemisphäre wie sie benannt wird, von der psychischen Welt dahinter gestützt. Es ist in der psychischen Welt, wo die Evolution von Seelen, der Fortschritt sich entwickelnder Wesen geplant und geleitet wird.

Der Übergang zu dieser Welt ist von Interesse. Wenn ein Mensch auf Erden stirbt, legt er zuerst den physischen Körper ab. Er lebt in seiner subtilen physischen Hülle. Nach der Zeit die es braucht, damit er merkt, daß er tot ist, sieht er umsich und findet sich in einer subtilen Welt, die eine perfekte Nachbildung der physischen Welt ist, die er hintersichgelassen hat. Das ist die subtil-physische Welt (Das ist die Übergangswelt zwischen Materie und Astralwelt Webmaster). Sobald er von jenen Anziehungen, die ihn entweder durch seine eigene Begierde oder der Anziehungen des Kummers oder der Zuneigung jener Hinterbliebenen zur Erde festhalten, frei ist, verläßt er die subtil-physische Welt und geht zur vitalen Welt. Dort findet sich eine Welt der Begierde. Das Karma, das auf Erden von seinem vitalen Wesen geschmiedet worden ist, die Begierden, Sinnesempfindungen, Ambitionen, findet man alle dort abgebildet. Wenn es Wünsche der höheren Art gewesen sind, trifft er auf ihre Wiedergaben als Himmel; wenn sie von der rohen und häßlichen Art gewesen sind, wird ihm von einer wahren Hölle gegenübergetreten. Er muß in der vitalen Welt bleiben bis, von den beherrschenden Kräften geholfen, die vitale Hülle allmählich verdünnt ist und abfällt. Dann geht er zur mentalen Welt, wo er von den Formungen umgeben wird, die er durch seine Gedanken, seine Idee und seine Konzipierungen gewebt hat. Diese brauchen auch Zeit, um sich aufzulösen. So nachdem all diese Hüllen - die subtil-physische, vitale und mentale Hülle aufgelöst sind, ist das Innenwesen, die Seele frei, um zu ihren Ort der Ruhe und der Vorbereitung, der Psychischen Welt zu gehen:

Die Wesen, die einmal auf Erden Formen trugen saßen dort,
In leuchtenden Kammern von sprirituellem Schlaf.
....... ....... ......
Alles wurde jetzt in schwangerer Ruhe gesammelt:
Person und Natur erlitten einen Schlummerwechsel.
In Trance sammelten sie ihre längst vergangenen Selbste zurück
........ ....... .......
Arrangierten die Karte vom Verlauf ihres zukünftigen Schicksals:
Erben ihrer Vergangenheit, ihrer Zukunft Entdeckungen,
Wähler ihres eigenen selbst-gewählten Loses,
Warteten sie auf das Abenteuer des neuen Lebens.

Dies in Kürze, ist die Rolle des psychischen Prinzips in der Person und im Universalschema.

M. P. Pandit

Hier noch zwei Auszüge aus den "Briefen über den Yoga" und "Die Synthese des Yoga" von Sri Aurobindo.


Nachwort des Autors: Zu dem Begriff der 'Seele' möchte ich noch hinzufügen, daß dieser in unserem öffentlichen Denken dauernd mit dem menschlichem Vital verwechselt wird. Das Vital und die Seele, sind aber zwei verschiedene Seinszustände. Verwechselt man die, oder weiß sie nicht zu unterscheiden, kommt es automatisch zu einer Verwirrung und zu Irrtum. Leider unterliegt auch unsere Psychologie diesem Irrtum. Die Seele, als der ursprüngliche göttliche unsterbliche Funke im Menschen und das Vital, als das Wesen des Lebens und Begehrens, muß strikt auseinandergehalten werden. (Nach einer Diskussion die ich mal bei den Psychologen in den Newsgroups hatte, ergab sich, daß sogar diese dort Schwierigkeiten hatten, das menschliche Vital und Mental zu unterscheiden.)
Was weiter über das Leben nach dem Tod hier gesagt wird, ist soweit richtig. Ich möchte nur noch darauf hinweisen, daß laut Katha Upanischade, die Erfahrungswelt des Nachlebens, sich auch nach der Konstitution des Wesens im materiellen Leben richtet. Der Tod scheint so das genaue Spiegelbild des Menschen im Leben zu sein und sich jeweils mit dessen Erfahrungswelt und Beschaffenheit zu ändern. Ja, da scheint es sogar noch mehr Rätsel zu geben, über die ich vielleicht später nochmal berichten werde.

R. Helmecke

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