Glaube, was ist das?

von G.Gispert-Sauch

(Fr George Gispert Sauch ist ein spanischer Jesuitentheologe, dessen Interessensbereiche sich auf die Bedeutung des Glaubens konzentrieren und den Kontext der historischen und theologischen Kontakte zwischen hinduistischen und christlichen Traditionen umfassen).


Eine Frage, die ich mich zeitweilig gefragt habe, ist warum glaube ich? Warum entscheide ich mich für eine religiöse Einstellung zum Leben in dieser Ära, wenn die Säkularen, oder die Agnostiker so natürlich, so menschlich und von der Gesellschaft so akzeptiert erscheinen? Warum sollte ich in einer Einstellung steckenbleiben, die scheinbar für das Altertum oder das Mittelalter geeigneter ist, als für Leute, die die Renaissance, die Aufklärung und die radikale Rezension der Religion der sozialistischen Bewegung und der Psychologie von Freud überlebten? Sind wir, ich selbst und meine Mitanhänger am Ende des zweiten Jahrtausends, Fossilien der Ersteren? Sind wir die Überbleibsel einer früheren Stufe in der Evolution der Spezies, ähnlich der Spuren die der Körper als Erinnerungen einer früheren biologischen, jetzt hinter uns gelassenen Stufe konserviert?

Ein Appell an die Weisheit der Vergangenheit bietet keine ausreichende Basis, um die Wahl des Glaubens zu rechtfertigen. Doch dies ist eine Wahl, die eindeutig sogar heute Millionen von Bürgern der modernen Welt machen. Warum tun sie das? Ist in ihnen eine Zurückentwicklung zur Vergangenheit, aus Furcht vor der tapferen neuen Welt entstanden, die uns droht? Ist es der Widerstand, aus einer kindlichen Welt heraus zu wachsen? Oder ist es vielleicht eine Option, die Macht verspricht, - ein Mittel, um den Verstand von Anderen zu kontrollieren?

Glaube und Humanismus

Für mich ist zu glauben, Teil davon Humanist zu sein. Wahrer Glaube kann nicht eine Flucht vor dem Leben, noch eine Umgehung der Verantwortung sein, die wir alle haben, eine humanere Welt zu bauen. Glauben oder Religion ist ein Teil von mir, weil sie mich fester mit der Gesamtheit der Existenz verbindet, mit ihren kosmischen, menschlichen und göttlichen Dimensionen. Paradoxerweise schützt religiöser Glaube, auch die eigentlichen Wurzeln meiner Freiheit und persönlicher Existenz.

Das Wort Religion wird gesagt, von der Wurzel religare zu stammen, zu binden und deshalb zusammen zu halten, Ganzheit sicherzustellen. Aber echte Religion wird nicht als Sklaverei erfahren, sondern als eine Quelle der Freiheit. In unsere indischen Tradition ist Religion an moksa (sanskr. Befreiung) orientiert und davon gefärbt. Ihr eigentliches Ziel ist zu befreien. Sie geht an dieses Ziel sehr allmählich heran, durch einen erzieherischen Prozess, der zeitweilig Hörigkeit zum Gesetz zu erfordern scheint. Aber die eigentliche Dynamik vom religiösen Glauben bringt uns dazu, von Abhängigkeit zur Spezialisierung und zur tieferen Erfahrung von Freiheit und persönlicher Integration zu schreiten.

Einer der bemerkenswertesten Ausdrücke des Glaubens in der Geschichte, welches viele andere Gläubige in der zweiten Hälfte dieses Jahrtausends inspiriert hat war, als Martin Luther der rebellische Mönch, im Reichstag von Worms aufrecht stehend, seinen herausfordernden Ruf ertönen ließ: "Hier stehe ich und kann nicht anders glauben." Seine Verteidigung der Religion war ein Ruf nach Freiheit. Er sagte gewissermaßen, daß er, weil er sich auf den Glauben stützte, ein persönliches Recht und die Freiheit hatte, selbst der Macht des Papstes zu trotzen, um nicht von der Macht des Kaisers zu sprechen. Der religiöse Gehorsam zu Gott, befreite ihn paradoxerweise von aller Hörigkeit. Wenn wir uns nicht im absoluten Wert verwurzeln, dem wir uns in liebender Hoffnung ergeben, werden wir menschlichen Tyranneien zum Opfer fallen, nicht zuletzt der eigenen unterbewußten oder unbewußten Tyrannei, die uns kontrolliert und sich in egozentrischen Launen oder in tiefverwurzelten Ängsten und Sorgen zeigt.

Luther ist auch für seinen Wahlspruch bekannt, der die Botschaft von Paulus und die von Jesus hinter Paulus zusammenfaßt, - Rechtfertigung im Glauben, und zahllose Bücher sind zu diesem Thema geschrieben worden. Ohne in fachliche theologische Diskussionen zu gehen, was Luther und vieles aus dem Neuen Testament uns sagt, ist daß wir keine echten Menschen sind, es sei denn, wir leben beim Glauben und im Glauben. Sofern wir nicht in Gott verwurzelt bleiben, den Einzigen Herrscher dessen Kraft uns befreit statt versklavt, werden wir nicht in der Lage sein, unsere eigene Stärke zu entdecken, oder unseren religiösen oder weltlichen Tyranneien standhalten, die uns hindern zu werden was wir sein könnten.

Glauben als religiöse Erfahrung

Glauben ist eines der faszinierendsten Worte im zweiten Testament der Bibel und eins, der meist mißverstandenen. Zu oft wird vom Glauben angenommen, nur eine religiöse Abhängigkeit zu bezeichnen. Glauben wird auch als eine niedere Art Religiosität gesehen, eine Abhängigkeit von Autorität, mehr zu Kindern als zu Erwachsenen passend. Religionen des Glaubens, wie das Judentum, Christenheit und der Islam, werden zeitweilig den orientalischen Religionen der Erfahrung wie Hinduismus, Buddhismus oder Taoismus nachteilig gegenübergestellt. Solche Kontraste basieren auf der Grundlage eines abgeleiteten und oft sehr unvollkommenen Verständnises der Bedeutung des Glaubens.

Glauben wird auch von manchen als Einbeziehung der Akzeptanz von Irrationalität in unser Leben gesehen. Es wird geglaubt, daß der Ruf zum Glauben, Augen schließen und glauben bedeutet, während die echte Tradition uns in der Tat auffordert, unsere Augen zu öffnen und zu glauben! Der Buddha sagte oft, daß er nicht Lehrer der geschlossenen Faust, sondern einer mit der offenen Hand war. Auch Jesus antwortete dem hohen Priester, der ihn befragte, "Ich habe immer in der Öffentlichkeit und nicht im Geheimen gelehrt" - welches ihm einen schallenden Schlag auf die Wange brachte. Die wahren Meister riefen uns auf, in einem erleuchteten Glauben, nicht im blindem Glauben zu leben und nach dem Geist und nicht nach dem Buchstaben des Gesetzes zu leben. Religiöser Glauben muß im Licht gelebt werden. Er kann nicht irrational sein, selbst wenn er seinen Fuß nicht auf den menschlichem Verstand allein setzt. Dies ist ein Bereich, in dem Fundamentalisten aller Schattierungen im Verstehen wachsen müssen: solange sie Stellung bei der Irrationalität beziehen, um ihre Gemeinschaft oder ihre Traditionen zu verteidigen, machen sie der echten Religion keinen Dienst und bieten den Leuten keine Hilfe zur Befreiung und Freiheit an.

Die echte biblische Tradition (im Licht des oben zwischen Religionen des Glaubens und jenen der Erfahrung erwähnten Kontrasts) zeigt, daß Glauben selbst eine Erfahrung ist. Er hat eine mystische, eine soziale und eine persönliche Dimension. Wenn Abraham beschließt, seine Existenz zu entwurzeln und seine Zukunft auf ein Versprechen zu setzen, das zu ihm von einer Quelle kommt, die er nicht versteht (Genesis 15.6), verwandelt er sein ganzes Leben durch die Änderung seines Bezugszentrums. Er sieht sich, seine Welt und seine Zukunft in einer neuen Perspektive. Er lebt seine Existenz jetzt innerhalb des Wortes Gottes, so daß seine persönlichen Mißerfolge und die Widersprüche des Lebens, keine Macht über ihn haben. Wie Jesaja später sagt, wenn wir keine Stellung für Gott beziehen, stehen wir überhaupt nicht (vgl. Jesaja 7.9 im ursprünglichen hebräischen Text).

Mystische, soziale und persönliche Dimensionen

Thomas von Aquin summiert die mystische Dimension des Glaubens indem er sagt, daß Glauben participatio quaedam in cognitione divina ist, - eine Art Beteiligung am Göttlichen Wissen. Diese Worte erinnern uns an das divya cakshuh, das Lord Krishna Arjuna gewährte, um ihn für das Vishvarupa darsanam, die Universalvision vorzubereiten. Ein göttliches Auge, das Licht des Glaubens oder lumen fidei der Scholastiker ist in der theologischen Tradition, eine Bekräftigung der Gegenwart des göttlichen Geistes im Herzen des Gläubigen. Glaube vereinigt uns mit der göttlichen absoluten Realität und dies ist die eigentliche Grundlehre von St. Juan vom Kreuz (Juan de la Cruz, 1542–91, spanischer Mystiker und Dichter). Es ist wahr, daß Glauben mit dem Weg des Wissens verbunden ist, dennoch geht er über alle Konzepte hinaus. Die indische Tradition hat auf diesem, zumindest seit der Zeit der Upanischaden, zu Recht bestanden: yato vaco nivartante, aprapya manasa saha ... (Taittriya Upanischade 2,6) - 'von wo Sprache und Verstand mit leeren Händen zurückkommen'. Die Chandogya und die anderen Upanischaden wiederholen dasselbe: na pravacanena, na medhaya, na bahustrutena. (In der Vereinigung mit dem Göttlichen Wissenden sieht der Gläubige, die Person des Glaubens, nicht nur wie Gott sieht, aber sie oder er nimmt vielmehr am göttlichen Wissen teil).

Auf einer gewissen Ebene ist es wahr, daß Glauben Ausdruck in credalen Erklärungen findet, die in irgendeiner Form die tieferen Erfahrungen nicht nur von einzelnen Gläubigen artikulieren, sondern von ganzen Gemeinschaften. Diese Glaubensbekenntnisse jeder Religion sind an Inhalt äußerst reich, wenn wir in der Lage sind, sie innerhalb des historischen Kontexts zu verstehen, in dem sie kodieren. Diese Glaubensbekenntnisse geben nicht nur den letzten Jahrhunderten Bedeutung und erklären was geglaubt wurde, aber bestärken und erleuchten uns auch in der gegenwärtigen Situation. Der Heilige Augustinus sprach von rationes seminales, Samen des Verstehens, die von neuem in jeder Generation wachsen können. Die Gemeinschaft wächst in ihrer Geschichte aus der Saat der Vergangenheit. Die Vergangenheit fährt fort mit uns zu sein und leitet uns in die Zukunft.

Der Ausdruck des Glaubens hilft der Gemeinschaft, die Quellen ihrer Einheit zu finden. Dies ist die soziale Funktion des Glaubens. Die Gemeinschaft merkt, daß sie nach einer gemeinsamen Vision, einer Vision, die nicht nur eine Philosophie ist oder ein Programm des Lebens, das sie durch menschliche Genialität entwickelt hat, aber der Ausdruck einer überlegenen Weisheit, das als Geschenk von der tiefsten Quelle der Existenz ermpfangen wird. Die Gemeinschaft findet sich im Sichbeteiligen an ein und derselben mystischen Vision. Das Glaubensbekenntnis korrigiert nicht nur die nachdenklichen Wirkungen von Zweifel und Zaudern auf seine einzelnen Mitglieder, sondern auch die fortpflanzenden Tendenzen, die ein erhöhter Sinn der Individualität im sozialen Körper der Gläubigen entwickeln könnte. Durch Glauben entdecken sie, nicht nur eines Verstandes und eines Geistes zu sein, aber auch die Erfahrung, innerhalb eines Körpers an einer sichtbaren Gemeinschaft teilzuhaben.

Jede Gemeinschaft braucht einen Bezugspunkt. Je verständlicher er ist, desto mehr sind die Mitglieder der Gruppe fähig, in einem Sinn der Solidarität zu leben, die keiner echten Freiheit widerspricht. Jede Nation braucht eine Verfassung, entweder geschrieben oder von mündlicher Tradition aufrechterhalten. Jede Gesellschaft hat ihre Grundcharta. Aber kein Dokument als solches ist in der Lage, von selbst Einheit sicherzustellen. Ein Dokument erwartet und erfordert eine persönliche Zustimmung, eine freie Akzeptanz des Glaubens auf der Seite jeder Person. Insbesondere kann das religiöse Glaubensbekenntnis, genau weil es mit der Transzendenz als bloßen philosophischen oder legalen Text umgeht, über und gegen den Gläubigen gestellt, niemals operieren. Die religiöse Sprache ist im Grunde genommen symbolisch, und das Glaubensbekenntnis verlangt deshalb eine kühne und kreative Interpretation, innerhalb des eigenen historischen Kontexts der Gläubigen.

Es ist deshalb wichtig, die Glaubenserfahrung von ihrem Ausdruck zu unterscheiden. Der Ausdruck mag notwendig sein, denn eine Erfahrung, die nie formuliert wird, tendiert dazu auszusterben. Eine Liebe, die nie ausgedrückt wird, stirbt an Entkräftung. Aber das Glaubensbekenntnis, der Ausdruck ist nicht vom Glauben. Die Essenz wird eher im mystischen Einklang zwischen der religiösen Person und dem Göttlichen Bewußtsein in der Tatsache gefunden, daß die Subjektivität vom Gläubigen in das Göttliche oder den Atman integriert ist.

Glaube ist auch in dem Maße reich, worin er die edelste Aufgabe unserer Menschheit einschließt. Glaube ist nicht in erster Linie eine zu kennende Doktrin. Glaube ist vor allem eine Verpflichtung für eine Wahrheit, wonach alles lebt. Es ist deshalb eine Verpflichtung für alle Ausdrücke der Wahrheit. Satyagraha ist ein anderes Wort für Glaube. Sowohl baut Glaube auf Wahrheit, wie er auch den weiteren Ausdruck der Wahrheit sucht. Es schließt die höchste Kraft des Menschen, ihre oder seine Kapazität zu lieben ein.

Glaube und Liebe sind nicht wirklich verschieden. Es sind zwei Wörter für dieselbe Grundeinstellung des Festhaltens am Ganzen, zwei Aspekte der menschlichen Antwort auf die göttliche Realität. Glaube ist Hingabe und Hingabe bedeutet Liebe. Glaube zeigt an, wie Liebe innerhalb des menschlichen Zustands der Dunkelheit und der angeborenen Gewißheit gelebt werden muß. Glaube ist eine Rückkehr zum Mutterschoß der Realität und zur ganzen menschlichen Familie, in der wir existieren. Diese Hingabe entspringt dem Inneren unserer Freiheit. Glaube ist ein freier Entschluß, mit einer bestimmten Ausrichtung auf Wahrheit und Güte zu leben. Diese Hingabe befreit uns von unserem tiefverwurzelten Egoismus, vom avidya das unser wahres Zugehören zum Göttlichen Kosmos verdeckt. Glaube ist somit ein Schutz vor dem Zerfall unseres Wesens.

Das Abenteuer des Glaubens

Die Hingabe des Glaubens ist ein Entschluß, fest und mit Gewissheit in Richtung des Ziels zu gehen, wozu die ganze Welt gerufen ist. Glaube ist keine 'primitive' Stufe menschlicher Entwicklung, welchen Metaphysik oder Wissenschaft dazu bestimmt zu ersetzen und als rückständig zu zeigen. Post-Modernismus hat solchen Rationalismus bereits als hohl und historisch falsch aufgezeigt. Aber die postmoderne Welt ist zerbrochen und dazu unfähig, den Ausgang aus dem gegenwärtigen Chaos zu finden. Nur ein erleuchteter Glaube, offen für Vernunft und Werte aller Traditionen und Religionen der Menschheit, kann eine Quelle des Lebens, Rettung und Hoffnung unserer Welt sein. In unserer Glaubensvision entdecken wir unseren Platz im Geheimnis, das über Namen und Form steht. In unserem Glauben feiern wir die Werte unserer Menschheit, die unser beschränkter Verstand enthält. Beim Glauben, brauchen wir uns nicht als separate Monaden betrachten und die darum kämpfen ihren kleinen Platz in den Galaxien des Universums zu erhalten, aber das Ganze der Menschheit, tatsächlich alles Leben, in vielen Bedeutungen in einem Bund vereint zu sehen, der unendlichen Liebe die die Sterne bewegt

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Courtesy: Indische internationale Vierteljahresschrift, Frühjahr 2000.

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