Ich möchte mit euch über das Problem der Frau sprechen, ein Problem so alt wie die Menschheit seit ihrem Auftreten, aber unendlich älter im Ursprung. Denn wenn wir das Gesetz finden wollen, das es beherrscht und behebt, müssen wir zum Ursprung des Universums, ja sogar über die Schöpfung hinausgehen.
Manche der, eventuell sogar der ältesten Traditionen, schreiben die Ursache der Schöpfung des Universums dem Willen eines Höchsten Absoluten zu, sich durch seine eigene Selbst-Objektivierung zu manifestieren, - und die erste Tat dieser Objektivierung wurde gesagt, war die Ausströmung vom Kreativen Bewußtsein. Nun sprechen diese alten Traditionen vom Absoluten normalerweise im maskulinen Geschlecht und vom Bewußtsein im Femininum und machen diese Urgeste auf diese Art zum Ursprung der Differenzierung zwischen Mann und Frau, die dem Maskulinum gleichermaßen eine Art Priorität über dem Femininum gibt. Obwohl sie in der Tat eins sind, identisch und koexistent vor der Manifestation, nahm das Maskulinum die Originalentscheidung an und emanierte das Femininum um sie auszutragen, was darauf hinauskommt zu sagen, während es ohne das Femininum keine Schöpfung gibt, es auch keine feminine Manifestation, ohne die vorherige Entscheidung des Maskulinums gibt.
Wir würden sicher fragen, ob diese Erklärung nicht etwas zu menschlich ist. Aber um die Wahrheit zu sagen, müssen alle Erklärungen die Menschen geben können, wenigstens in ihrer Formulierung menschlich sein. Denn in ihrem spirituellen Aufstieg in Richtung des Unerkennbaren und Undenkbaren, sind bestimmte außergewöhnliche Personen in der Lage gewesen, die menschliche Natur zu übersteigen und sich mit dem Objekt zu identifizieren, daß sie suchten, und das in einer sublimen Weise und in gewisser Weise unformulierbaren Erfahrung. Aber sobald sie versuchten, den Nutzen ihrer Entdeckung anderen mitzuteilen, mußten sie ihn formulieren und damit ihre Formel verständlich sei, mußte sie notwenigerweise menschlich und symbolisch sein.
Wir könnten auch fragen, ob diese Erfahrungen und ihre Mitteilung, für den Überlegenheitssinn verantwortlich ist, den der Mann nahezu immer zur Frau fühlt oder, ob es im Gegenteil dieser verbreitete Sinn für Überlegenheit ist, der für die Form verantwortlich ist, die der Erfahrung gegeben wird.
In jedem Fall bleibt die unbestreitbare Tatsache: Der Mann fühlt sich überlegen und möchte dominieren, die Frau fühlt sich unterdrückt und revoltiert offen oder im geheimen; und der ewige Streit zwischen den Geschlechtern wird von Zeitalter zu Zeitalter aufrechterhalten, identisch in der Essenz, unzählig in seinen Formen und Schattierungen.
Natürlich wirft der Mann die ganze Schuld auf die Frau, gerade wie die Frau die ganze Schuld auf den Mann wirft. In Wahrheit sollte die Schuld gleichermaßen zwischen den beiden verteilt sein und keiner kann prahlen dem Anderen überlegen zu sein. Außerdem, bis diese Vorstellung von Überlegenheit und niedrigerer Stellung nicht entfernt ist, kann nichts und niemand ein Ende des Mißverständnisses gegenüber Lagern zuwegebringen, die die menschliche Art in Zwei einteilen und das Problem wird nicht behoben sein.
So viele Dinge sind über dieses Problem gesagt und geschrieben worden, es ist von so vielen Seiten angegangen worden, daß ein ganzer Band nicht genug wäre, alle seine Aspekte darzulegen. Ganz allgemein gesagt sind die Theorien ausgezeichnet oder haben in jedem Fall alle ihre eigenen Tugenden; aber die Praxis hat sich als weniger erfolgreich erwiesen und ich weiß nicht, ob wir vom Standpunkt der Realisierung, seit der Steinzeit irgendwelche Fortschritte gemacht haben. Denn in ihren gegenseitigen Beziehungen, sind Mann und Frau zugleich eher despotische Meister und ein wenig mitleiderregende Sklaven einander.
Ja, Sklaven; denn so lange man Begierden, Vorlieben und Zuneigungen hat, ist man ein Sklave dieser Dinge und anderer Leute, von denen man für ihre Befriedigung abhängig ist.
Somit ist die Frau dem Mann wegen der Anziehung versklavt, die sie für den Mann und seine Stärke fühlt, wegen des Wunsches nach einem Heim und der Sicherheit die es bringt und schließlich wegen der Neigung zur Mutterschaft. Der Mann ist seinerseits auch zur Frau wegen seiner Besitzgier, seines Durstes nach Vorherrschaftsmacht, wegen seines Wunsches nach sexuellen Beziehungen und wegen seiner Bindung an die kleinen Wohltaten und Annehmlichkeiten des verheirateten Lebens versklavt.
Deshalb kann kein Gesetz die Frauen befreien, es sei denn, sie befreien sichselbst; ebenso hören auch die Männer trotz all ihrer Gewohnheiten der Vorherrschaft auf Sklaven zu sein, nur wenn sie sich von aller inneren Versklavung befreit haben.
Und dieser Zustand des verschleierten Kampfes, oft unerklärlich, aber sogar in den besten Fällen immer im Unterbewußtsein vorhanden, scheint unvermeidlich, es sei denn, die Menschen steigen über ihr gewöhnliches Bewußtsein, um sich mit dem vollkommenen Bewußtsein zu identifizieren und sich mit der Höchsten Realität zu vereinigen. Denn sobald man zu dieser gelangt, reduziert sich dies auf einen rein physischen Unterschied.
Tatsächlich könnten am Anfang auf Erden eine reine maskuline Art und ein reines Femininum gewesen sein, jedes unterschieden mit seinen eigenen besonderen und eindeutigen charakteristischen Merkmalen; aber im Laufe der Zeit, mit der unvermeidlichen Vermischung, Vererbung, all den Söhnen die aussahen wie ihre Mütter, all den Töchtern, die wie ihre Väter aussahen, seines sozialen Fortschritts und ähnlicher Berufe, -- hat dies es alles heute unmöglich gemacht, eine dieser reinen Arten zu entdecken: Alle Männer sind in vieler Hinsicht feminin und alle Frauen sind in vielen Eigenschaften maskulin, besonders in modernen Gesellschaften. Aber wegen der physischen Erscheinung, wird die Gewohnheit zu Streiten leider aufrechterhalten und eventuell sogar von einem Geist der Rivalität verschlimmert.
In ihren besten Momenten, können sowohl Männer wie auch Frauen ihren Geschlechtsunterschied vergessen, aber er erscheint bei der leichtesten Provokation wieder; die Frau fühlt, sie ist eine Frau, der Mann weiß, daß er ein Mann ist und der Streit wird unbestimmt in dieser oder einer anderen Form wieder aufblühen, - offen oder verschleiert und vielleicht desto bitterer je weniger er eingestanden wird. Und man fragt sich, ob es nicht solange sein wird, bis es keine Männer oder Frauen mehr gibt, sondern lebende Seelen, die ihren identischen Ursprung in geschlechtslosen Körpern ausdrücken.
Denn man träumt von einer Welt, in der all diese Gegensätze endlich verschwinden und wo ein Wesen in der Lage sein wird zu leben und zu gedeihen, das die harmonische Synthese von alledem sein wird, das am besten in der menschlichen Rasse ist, Vorstellung und Ausführung, Schau und Schöpfung in einem einzelnen Bewußtsein und Akt vereinigend.
Bis solch eine glückliche und radikale Lösung erreicht ist, bleibt Indien in diesem Punkt, wie in vielen Anderen, der Arm von gewalttätigen und widerstreitenden Kontrasten, die dennoch von einer sehr weiten und umfassenden Synthese gelöst werden können.
Ist es nicht wahrhaftig in Indien, wo wir die intensivste Anbetung, die vollständigste Ehrfurcht vor der Höchsten Mutter, die Creatrix des Universums, die Besiegerin aller Feinde, die Mutter aller Götter und aller Welten, die Spenderin aller Gnaden finden?
Und ist es nicht wiederum in Indien, wo wir die radikalste Verdammung, die äußerste Verachtung für das feminine Prinzip, Prakriti, Maya, korrumptierende Illusion, Ursache jeden Falls und jeden Elends finden und die Natur die täuscht und verschandelt und vom Göttlichen weglockt ?
Das ganze Leben Indiens ist mit diesem Widerspruch durchdrungen; es leidet sowohl im Geist als auch im Herzen daran. Überall sind feminine Gottheiten auf seinen Altären errichtet; erwarten die Kinder Indiens Rettung und Befreiung von ihrer Mutter Durga. Und doch, war es nicht einer ihrer Kinder, der sagte, der Avatar würde sich nie im Körper einer Frau verkörpern, weil kein rechtschaffender Hindu ihn erkennen würde! Glücklicherweise wird das Göttliche nicht von solch einem engen konfessionellen Geist beeinflußt oder von solchen unbedeutenden Überlegungen bewegt. Und wenn es ihn erfreut, sich in einem irdischen Körper zu manifestieren, kümmert es ihn sehr wenig, ob er vom Menschen erkannt wird oder nicht. Außerdem scheint er in all seinen Inkarnationen, immer Kinder und einfache Herzen, den Gelehrten bevorzugt zu haben.
In jedem Fall, bis die Manifestation einer neuen Vorstellung und eines neuen Bewußtseins die Natur nicht zwingt eine neue Art zu schaffen, die der Notwendigkeit einer animalischen Fortpflanzung nicht mehr nachgeben muß und auf diese Art verpflichtet ist, sich in zwei komplementäre Geschlechter zu teilen, ist das Beste was für den Fortschritt der gegenwärtigen Menschheit getan werden kann, beide Geschlechter in einem Verhältnis vollkommener Gleichheit zu behandeln, ihnen dieselbe Erziehung und Ausbildung zu geben und sie zu lehren, durch einen konstanten Kontakt mit einer Göttlichen Realität die über aller geschlechtlicher Unterscheidung steht, die Quelle aller Möglichkeiten und Harmonien zu finden.
Und es kann sein, daß Indien das Land von Kontrasten, auch das Land einer neuen Verwirklichung sein wird, so wie es die Wiege ihrer Vorstellung war.
Aus On Education, Collected Works of the Mother
Die Mutter
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