Der Goldene Vogel.Es war in den Wäldern von Asan, da der Goldene Vogel zuerst
aus einem blumenbelagerten Dickicht flog und vor den geblendeten Augen Luilla's
flatterte. Luilla liebte es auf den Graten der Gefahr zu wandern, gerade wo jene von Blumen belagerten Dickichte begannen und meilenweit einen dornigen und verhedderten Wall, voller Verlockung und Bedrohung zugleich bildeten. Sie wagte sich nicht hinein, denn sie hatte große Furcht vor den Dornen und Brombeersträuchern und einen großen Respekt vor seiner strahlenden Schönheit, ihr eigenes dauerndes Objekt der Verehrung und vor der täglichen Freude von all Jenen, die für eine Weile auf der Erde verweilten und den leichten und freundlichen Boden am Waldesrand von Asan bearbeiteten. Aber sie wanderte immer nahe bei der blumigen Wand und ihr Geist, in seiner freiwilligen Unkörperlichkeit sicher, strich wie ein vielfarbener Schmetterling weit in der verbotenen Region umher, die die Götter so sorgfältig abgesondert hatten. Vielleicht hoffte sie im geheimen, daß ein königlicher Löwenkopf eines Tages durch die Blumen stoßen würde und sie mit einem Blick von freundlicher und majestätischer Einladung nötigen würde oder daß der grüne giftige Kopf einer Schlange, sich auf einer Blume ausruhend, sie aus verengten Augen prüfend beäugen würde und ein verschlagenes Einverständnis ihrer Schönheit ausdrücken würde. Es war nicht aus Furcht vor den Löwen und den Schlangen, daß Luilla unterließ die geheimen Orte zu betreten. Sie wußte, daß sie die wildesten Absichten jedes Zerstörers in der Welt, starkfüßig oder fußlos, überwinden könnte, wenn er ihr nur drei Minuten geben würde, bevor er den Entschluß faßte sie zu fressen oder zu beißen. Aber weder Löwe noch Schlange verirrte sich zu diesen vereinbarten Schlupfwinkeln. Es war der goldene Vogel, der als erstes aus den Dickichten zu Luilla flatterte. 3.Luilla sah ihn an, wie er von Ast zu Ast huschte und ihre Augen wurden geblendet und ihre Seele wunderte sich. Denn der kleine Körper des Vogels war eine unbeständige Flamme fliegenden und flüchtigen Goldes und die Flügel die sich öffneten und flatterten, waren von lebendigem Gold und der kleine wohlgeformte Kopf war golden verziert und der lange anmutig zitternde Schwanz, war nachschleppendes gefiedertes Gold; alles war golden an dem Vogel, - außer den Augen - sie waren zwei Juwelen von einer gedämpften, immer wechselnden Farbe und beherbergten fremdartig schauende Tiefen von Liebe und Denken in ihrem freundlichen Strahlen. Auf dem Astwo er saß, schien es als ob alle sanftbeschattteten Blätter plötzlich sonnig wurden. Dann, als Luilla ihre Augen an die flackernde Helligkeit des goldenen Vogels gewöhnte, schwebte er endlich auf einen Zweig, setzte sich und sang. Und auch seine Stimme war von Gold. 4.Der Vogel sang in seiner eigenen hohen geheimen Sprache; aber Luillas Ohr verstand seine Gedanken und in Luillas Seele, wie sie dürstete und zuhörte und voller Freude zitterte, formte sich das Lied leicht in menschliche Rede. Dann war es dies, was der Vogel sang, - der Vogel, der aus der Nacht des Todes kam, sang Luilla ein Lied von Schönheit und Freude vor: "Luilla! Luilla! Luilla! Grün und schön sind die Wiesen wo Kinder laufen und Blumen pflücken und grün und schön das Futter, wo die muscheläugigen Rinder weiden, grün und schön das an den Dorfgrenzen reifende grüne Kornfeld, doch sind die undurchdringlichen Dickichte von Asan, grüner als ihre offenen Orte des Lebens und schöner noch als die Wiesen und das Futter und die Kornfelder, sind die Wälder von Tod und Nacht. Für Einige ist die Gefahr des Jaguars noch bestrickender, als das anziehende Gesicht eines Kindes, die Fußspuren vom Löwen willkommener, da sie das Weideland der Rinder heimsuchen, holder und fruchtbarer der Dorn und die wilde Rose, als die Felder voller reifenden Korns. Und dies weiß ich, daß keine solcher Blumen in der Sicherheit und dem Behagen von Asans Wiesen blühen, obwohl sie genüßlichen Füßen ein volles und göttliches Schreiten bieten, wie ich sie an den Grenzen des wilden Morasts, im Herzen vom Brombeerstrauchdickicht und über der Öffnung des Unterschlupfs der Schlange habe blühen sehen. Soll ich dich O Luilla, nicht in jene Wälder mitnehmen? Du sollst in den Wäldern von Nacht und Tod die Blumen pflücken, du sollst deine Hände auf die Mähne des Löwen legen. O Luilla! O Luilla! O Luilla!" |
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Nachwort des Autors Diese blumige und farbenreiche Kurzgeschichte Schri Aurobindos aus den frühen seiner Jahre in Pondicherry, gibt uns in einem malerischen Bild ein tiefes Geheimnis des Lebens preis. Das Rätsel des Lebens, die Wahl der Seele und ihre Einwilligung in die Gefahr, den Tod und die Nacht des Lebens, werden hier in einer Apologie erklärt. Der goldene Vogel ist der Göttliche Puruscha, der Höchste Herr und Meister, der die Seele, den göttlichen Funken im Menschen, aus der Sicherheit eines Geborgenseins und Beheimatetseins in Gott, in das Spiel und die Freude der Gefahr der Nacht des Lebens (des Dschungels), mit dem Versprechen einlädt, daß am Ende die Seele, (Lu-illa), die Gefahren besiegen und sie die Freuden des Lebens genießen soll, indem sie Meister über alles wird. R. Helmecke © Copyright: Webside Literaturen http://home.t-online.de/home/Helmecke |
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