In den Gesellschaftsräumen

In the Society's Chambers

here original English text

(Eine kurze Schauspielszene)

Vorwort des ind. Herausgebers

Schri Aurobindo hatte dieses kurze Schauspiel um 1910 für die wöchentliche Zeitschrift "Karmayogin" geschrieben, bevor er im gleichen Jahr nach Pondicherry ging. Es blieb unveröffentlicht bis 1972, als es zuerst in der Centenary Edition von Schri Aurobindos Werken (Band. 3) herausgebracht wurde.

Dieses kurze Schauspiel ist von besonderen Interesse, weil es eine ungewöhnliche Art der Schreibweise Schri Aurobindos offenbart. Scheinbar ist es eine Parodie voll von beißendem Witz und sprühendem Humor und doch verbirgt sich hinter der Oberfläche eine tiefe Wahrheit der menschlichen Natur.

Sehr einfach dargestellt besteht diese Wahrheit darin, daß die menschliche Natur ein von vielen Teilen ausgemachtes komplexes Ganzes ist und daß sie nur vollkommen werden kann, wenn alle Teile simultan, in einem harmonischen Gleichgewicht entwickelt werden, - wie ein Baum, der all seine Zweige wachsen lassen oder eine Blume die ihre Blütenblätter ganz entfalten muß, um vollkommen zu sein. Aber die normale menschliche Neigung entwickelt ausschließlich irgendeinen einzigen Teil und vernachlässigt die anderen, was zu einem übertriebenen und unausgewogenen Charakter führt.

Dieses kurze Schauspiel ist ein ausgezeichnetes Beispiel für diese Tatsache. Jeder seiner vier Charaktere (ein Professor, ein praktischer Mensch, ein Mystiker und ein Wissenschaftler) hat seine typische Natur ausschließlich in einer Seite entwickelt, was zu einem unausgewogenen Wachstum führte. Sie liegen sich in ihrer Diskussion einander in den Haaren. Jeder treibt seinen Standpunkt zu solch einem äußersten Grad, daß er sich lächerlich macht und Gelächter hervorruft.

line

Professor:
Seien sie versichert meine Freunde, daß allein die Art und Weise der Untersuchung, für allen Irrtum in der Welt verantwortlich ist. Die Menschheit beeilt sich sehr wissen zu wollen und bevorzugt statt zu warten, daß ihr die volle Wahrheit dämmert, nach Halbwahrheiten zu greifen. Nun ist eine Halbwahrheit um einiges verderblicher als ein absoluter Irrtum. Sie ist der Teufel selbst in der Verkleidung eines Engels.

Der praktische Mensch:
Aber Professor, Halbwahrheiten sind sicherlich Vorbereitungen für ganze Wahrheiten und die Menschheit muß etwas haben, womit sie gehen kann. Wir sind nicht alle Hochschulprofessoren, um während unserer Studien bequem darauf warten zu können, daß uns die Wahrheit in ihrer Freizeit einen Besuch abstattet. Ich muß zu meiner Geschäftsstelle kommen und solange Autos nicht erfunden worden sind, muß ich ein Fahrrad oder eine Straßenbahn verwenden.

Professor:
Da sind Sie von einer Metapher besessen mein Freund und im Irrglauben, daß sie ein Argument vorgebracht hätten. Halbwahrheiten sind die größten Feinde ganzer Wahrheiten. Die Menschheit vernarrt sich in die Halbwahrheit und schreit wenn die ganze Wahrheit auf sie zukommt: "Hier ist dieser sonderbare Idiot und Schuft, der mir nicht mal richtig vorgestellt worden ist, - mir meine Halbwahrheit vertreiben wollend, die ich kenne und die mir seit Jahrhunderten geholfen hat. Raus mit dem Vogel! Einen Ochsenziemer für den Lumpen!" Und die Wahrheit geht hinaus, - froh das sie nur ausgewiesen, nicht verbrannt, geköpft, oder aus der Welt getrieben und zensiert worden ist und ihre nächste Chance 500 Jahre später wahrnehmen muß.

Wissenschaftler:
Sie haben recht, Professor. Alles sollte nachgeprüft und nichts anerkannt werden.

Professor:
Entschuldigen Sie, Wissenschaftler. Ihr Stamm, einmal Meister des Fortschritts, gehört jetzt zu den starrsten und blindesten Opponenten der neuen Wahrheit. Torquemada war ein Winzling zu Ihnen.

Wissenschaftler: Gut, - und was ist mit dem Mystiker hier, der zu Paracelsius und zur Heiligen Teresa zurückgehen will?

Mystiker:
Ich würde lieber sagen, der den wichtigsten Faden in der langwierig und kompliziert gewebten Schnur sich entwickelnden Wissens, unzerrissen erhalten will.

Professor:
Meine Freunde, ich weiß nichts über Mystizismus und Materialismus, - dies sind mir bloße Wörter. Ich kenne nur Wahrheit. Wenn Wahrheit mystisch ist, kann ich dem nicht abhelfen. Wer bin ich, wenn sich Wahrheit andererseits als ein kraßer Materialist, als ein Anhänger von Huxley und Haeckel herrausstellt, um auf ihre Spiritualisierung zu bestehen? Nehmen wir die Wahrheit wie sie ist und bestehen wir nicht darauf, sie in unserem eigenen Bild zu erschaffen.

Der praktische Mensch:
Wie soll das getan werden?

Professor:
Durch Untersuchung, durch leidenschaftslose, desinteressierte, ruhige, kluge, bedächtige Untersuchung. Berücksichtigen wir alles, akzeptieren wir nur wenn Akzeptanz durchaus berechtigt ist, weisen wir nur zurück wenn wir müssen und um Gottes Willen, lassen Sie uns nicht gewaltsam und überschwenglich zu vorzeitigen Schlüssen eilen!

Der praktische Mensch (leichtfertig):
Warum keine Gesellschaft für leidenschaftslose Diskussion von allem Erörterbaren und ruhiger Befragung von allem Befragbaren gründen? Sie könnte kurz G.L.D.E.R.B. benannt werden, oder noch besser G.D.B. und ich glaube, daß sie das Wissen revolutionieren würde.

Professor:
Ich habe dem praktischen Menschen, trotz seiner ungehobelten und zahlreichen Beschränkungen immer Respekt erwiesen. Warum nicht? Lassen Sie es uns wenigstens versuchen.

Wissenschaftler (skeptisch):
Was würden die Bedingungen der Diskussion sein?

Professor:
Sagen wir es so. Wir stimmen überein, keine Frage als beschlossen zu betrachten, nicht einmal die Gravitation, nicht die Bewegung der Erde, noch die Notwendigkeit und Wohltätigkeit der britischen Regierung.

Alle (im Chor):
Das Pressegesetz, Professor, das Pressegesetz! Abschnitt 124 A! Abschnitt 121! Wir werden deportiert werden, wir werden verlieren!

Professor (widerwillig, aber offensichtlich vom Aufschrei beunruhigt):
Gut, gut, wir reservieren die Frage. Es gibt reichlich andere, es gibt reichlich andere. Um fortzufahren, - wenn nun der Mystiker deutliche Argumente vorbringt um zu zeigen, daß der Teufel ständig den Mond verschlingt und daß wir sogar das nicht leichtfertig für unmöglich erklären sollen, was wir über die Geschmäcker des Teufels, - angenommen er existiert -, oder die Eßbarkeit des Mondes wissen? Ich habe ihn nie gekostet, noch hat es der Wissenschaftler. Der Mystiker und der Teufel könnten ihn gekostet haben.

Wissenschaftler (unbehaglich):
Verdammt noch mal, Professor!

Professor:
Nein, ich bestehe darauf. Absolute Toleranz, absolute Geistesoffenheit sind für den Erfolg des Versuchs wesentlich. Wer immer unterbricht, wer immer sich weigert ein Argument zu erörtern, wer immer widerspricht oder Absurd! sagt, wer immer Fakten durch Überlegungen ersetzt, wer immer seine Fassung verliert oder seiner Stimme erlaubt zu einem höheren Ton aufzusteigen, wer immer versucht sich den Anschein zu geben, in der Debatte gesiegt zu haben weil er an ein mehrsilbiges Wort, wie etwa Halluzination, Koinzidenz und unterbewußte Gehirntätigkeit appeliert hat, wer immer wegen seiner Meinung Autorität anzweifelt, wird sofort vom Vorsitzenden zur Ordnung gerufen und falls er den Verstoß wiederholt, für den Abend zum Schweigen verurteilt.

Alle sind still und starren tief beeindruckt zum Professor.

Der praktische Mensch:
Zum Henker, Professor! Wo bleibt der Spaß dabei? Mischen Sie sich nicht in die menschliche Natur ein. Ich freute mich ziemlich auf den Wissenschaftler, der dem Mystiker Chemikalien zuwarf und sofort unter dem heftigen Angriff von mohanam, stambhanam und maranam des Mystikers, in etwas unmenschliches verdorrte.

Professor:
Wir werden für den Spaß sorgen, aber lassen Sie es menschlichen, zivilisierten Spaß sein. Wir müssen in unserem Humor, das Übermäßige unserer ursprünglichen Halbvorfahren zügeln.

Mystiker:
Das können Sie nicht Professor und wir sollten es nicht. Es ist ein immerwährender und wertvoller Teil des Ananda, der Freude an der Existenz.

Wissenschaftler:
Es kann nicht funktionieren. Wir sind keine Götter oder Engel.

Professor:
Da machen Sie Vermutungen! Wie wissen Sie, daß wir es nicht sind? Lassen Sie uns wenigstens den Versuch machen. Offensichtlich wird der Kreis mit nur uns Vieren unvollständig sein. Wir müssen andere menschliche Muster haben, - na, einen Juristen, einen Priester, einen Historiker, einen Sanskritisten, einen Doktor, einen Anwalt und einige andere die mir noch so einfallen mögen. Ich weiß wo all diese Verstandestiere zu finden sind. Dann wäre ein lebendiger Extremist auch ein Gewinn. Ich kenne einen. Er ist liebenswürdig, erfreulich und nicht bevollmächtigt zu beißen, obwohl seine Ansichten feurig sind und seine Sprache dazu neigt wenn er aufgeregt ist, schwefelhaltig zu werden.

Der praktische Mensch:
Keine Verwendung für ihn, wenn wir die Wohltätigkeit der britischen Regierung nicht bezweifeln wollen.

Professor:
Er vervollständigt uns. Wir müssen eine typische Gesellschaft sein. Außerdem verstehe ich, daß Extremismus seine positiven Aspekte hat.

Wissenschaftler:
Wird das ungefährlich sein?

Professor (kalt, überheblich und schwerwiegend):
Wir sind keine Feiglinge. (etwas milder) Ich kann garantieren, obwohl er manchmal wie eine Bombe redet, - daß er nie eine machte. Es ist vereinbart, meine Herren. (Mit Begeisterung aufstehend) Das Heute erschafft ein Zeitalter in der Geschichte der Menschheit; die Wahrheit legt das Fundament ihres endgültigen Tempels.

Mystiker:
Professor, Professor um Gottes Willen, lassen Sie uns nicht gewaltsam und überschwenglich zu vorzeitigen Schlüssen eilen!

Ende

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In the Society's Chambers

(a playlet -Scene One)

Sri Aurobindo had written this playlet in 1910 for the weekly journal Karmayogin before he came away to Pondicherry in the same year. It remained unpublished till 1972 when it was first brought out in the Centenary Edition of Sri Aurobindo's Works (Vol.3).

This playlet is of special interest becouse it reveals an unusual type of Sri Aurobindos's writing. Apparently it is a parody full of pungent wit and sparkling humour yet, behind this surface appearance, it conceals a profound truth of human nature.

Stated very simply, this truth is that human nature is a complex whole made up of many parts, and it can become perfect only when all the parts are simultaneously developed in a harmonious equilibrium, like a tree which must grow all its branches or a flower which must bloom all its petals in order to be perfect. But the normal human tendency is to develop exclusively some one part, neglecting the others, which results in an exaggerated and unbalanced character.

This playlet is an excellent example of this truth. Each of its four characters (a Professor, a Practical Man, a Mystic and a Scientist) has developed his typical nature exclusively on one side, resulting in an unbalanced growth. They are at loggerheads at each other in their discussion. Each one presses his point to such an extreme degree that he makes himself ridiculous and evokes laughter.

line

Professor:
Let me assure you, my friends, that the method of enquiry is alone responsible for all the error in the world. Mankind is in a hurry to know and prefers to catch at half-truths rather than wait for the full truth to dawn on him. Now a half-truth is a few degrees more mischievous than absolute error. It is the devil himself in the disguise of an angel.

The Practical Man:
But surely, Professor, half-truths are the preparation for whole truths. And mankind must have something to go by. We are not all College Professors who can wait comfortably in our studies for Truth to call on us at her leisure. I have got to get to my place of business and, if motor cars have not been invented, I must use bike or tram car.

Professor:
There you are, my friend, in possession of a metaphor and under the delusion that you have got an argument. Half-truths are the greatest enemies of whole truths. Mankind gets besotted with the half-truth and when the whole truth happens and it cries, "Here's this queer-looking idiot and scoundrel who has not been properly introduced to me, wanting to turn out my half-truth whom I know and who has helped me for centuries. Out with the cuckoo! A horse-whip for the bounder!" And out goes Truth, lucky if she is only expelled, not burned, garrotted, mobbed or censorshipped out of existence, and has to take her next chance five hundred years later.

Scientist:
You are right, Professor. Everything should be proved, nothing admitted.

Professor:
Excuse me, Scientist. Your tribe, once champions of progress, are now the stiffest and blindest opponents of new Truth going. Torquemada was a babe to you.

Scientist:
Well, and what about the Mystic here, who wants to go back to Paracelsus and Saint Teresa?

Mystic:
I should say rather, to keep unbroken the most important thread in the long and intricately woven cord of evolving knowledge.

Professor:
My friends, I know nothing about mysticism and materialism. These are mere words to me. I know Truth only. If Truth is mystic, I cannot help it. If, on the other hand, Truth turn out to be a rank materialist, a follower of Huxley and Haeckel, who am I to insist on spiritualizing her? Let us have Truth as she is and not insist on creating her in our own image.

The Practical Man:
How is that to be done?

Professor:
By inquiry, by dispassionate, disinterested, calm, judicious, leisurely inquiry. Let us consider everything, accept only when acceptance is thoroughly justified, reject only when we must, and for God's sake let us not rush violently and enthusiastically to premature conclusions!

The Practical Man (with levity):
Why not establish a Society for the dispassionate discussion of everything discussable and the quiet questioning of everything questionable? It might be styled briefly S.D.D.D. Q.Q.Q. or,still better S.D.Q, and, I believe, it would revolutionize knowledge.

Professor:
I have always served the Practical Man in spite of his gross and numerous limitations. Why not? Let us at least try.

Scientist (doubtfully):
What would be the conditions of discussion?

Professor:
Put it like this. we agree to consider no question closed, not even gravitation, not the motion of the earth, nor the necessity and beneficence of the British Government.

All (in chorus):
The Press act, Professor, the Press act! Section 124A! Section 121! We shall be transported, we shall get forfeited!

Professor (reluctantly, but obviously alarmed by the outcry)
Well, well, we will reserve the question. There are plenty of others, there are plenty of others. To proceed. If the Mystic advances sound arguments to show that the devil habitually swallows the moon, even that we shall not lightly declare impossible what do we know about the tastes of the devil, supposing he exists, or the eatability of the moon? I have never tasted it, nor has the Scientist. The Mystic and the devil may have.

Scientist (uneasily):
Confound it, Professor!

Professor:
No, I insist. Absolute tolerance, absolute openness of mind are essential to the success of the experiment. Whoever interrupts, whoever refuses to discuss an argument, whoever contradicts or says, Absurd! whoever substitutes assertion for reasoning, whoever loses his temper or allows his voice to rise to a higher key, whoever tries to make out that he has conquered in debate because he has appealed to a polysyllable such as hallucination, coincidence, subconscious cerebration, whoever questions authority for his opinion, will be instantly called to order by the Chairman and, if he repeats the offence, condemned to silence for the evening.

All are silent and gaze awe-struck at the Professor.

The Practical Man:
Hang it, Professor! Where will be the fun? I quite looked forward to the Scientist throwing chemicals at the Mystic and immediately withering into something infrahuman under the onslaught of the Mystic's mohanam, stambhanam and maranam. Don't interfere with human nature.

Professor:
We will provide the fun, but let it be human, civilized fun. We must curb the excess of our original semi-ancestors in our humour.

Mystic:
You can't, Professor, and we shouldn't. It is a perpetual and valuable part of Ananda, the joy of existence.

Scientist:
It can't work. We are not gods or angels.

Professor:
There you go making assumptions! How do you know we are not? Let us at least make the experiment. Obviously, with only the four of us, the circle will be incomplete. We must have other human specimens. A Jurist now, a Priest, a Historian, a Sanscritist, a Doctor, an Attorney, and a few other that may occur to me. I know where all these reasoning animals are to be found. Then a live Extremist would be an acquisition. I know one. He is amiable, pleasing and warranted not to bite, though his views are fiery and his language, when excited, apt to be sulphurous.

The Practical Man:
No use for him, if we are not to question the beneficence of the British Government.

Professor:
He will complete us. We must be a representative society. Besides, Extremism, I understand, has its positive aspects.

Scientist:
Will it be safe?

Professor (coldly, haughtily and severely):
We are not cowards. (more mildly) I can guarantee that, though he talks sometimes like a bomb, he never made one. It is agreed, gentlemen. (rising enthusiastically) Today creates an epoch in the history of mankind; Truth lays the foundation-stone of her final temple.

Mystic:
Professor, Professor, for God's sake, let us not rush violently and enthusiastically to premature conclusions!

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