Die Geisterstunde

Geisteruhr

Foto-CollageSturge Maynard erhob sich aus der Kaminecke und sah auf den schwärzlich-gelben, blendenden Nebel hinaus, der London in die dichten Falten seiner Reichweite wickelte. In seiner Hand trug er das alte Buch, das er gerade las. Immer noch war sein Finger in der Seite und sein Geist gänzlich unzufrieden auf den Inhalt der Vorstellungen des Schriftstellers ausgerichtet, - denn wenn diese auch seinem Sinn für Kurisosität gefielen, entrüsteten sie doch seine Vernunft. Als ein in Zeit und Temperament mittelalterlicher Mystiker, behandelte der alte Latinist psychologische Vorstellungen, die die moderne Welt schon lange ausrangiert hatte, um geschäftig zwischen Wählerpult und Büro hinundher zu eilen. Zahlreiche absurde Spitzfindigkeiten für die gestrengen und sicheren Lösungen eines Zeitalters traten auf, welches mit Wissen im Positiven und Äußerlichen gebieterisch versuchte, seine Autokratie in Form einer überzeugten Unkenntnis, über die Grenzen der okkulten inneren Welt hinaus zu erweitern; - okkult nur, erklärte der Autor, weil wir einen Schlüssel zurückweisen, der in jedermanns Hand liegt.

Prosaist von Geheimnissen, dachte Sturge, Krämer verschlungener Phantasien; wenn man nur die geringste Tatsache finden könnte, die das klobige Netz das hier gewebt ist unterstützt! Aber der Nebel war nicht so dick wie die Ungewißheit, in der diese Gedanken es zufrieden waren sich zu bewegen.

In einer Passage von ungewöhnlichem aber bizarrem Reiz, behauptete der deutsche Mystiker, daß das Prinzip des Glanzes mit unablässiger Aktivität, die Bewegungen der Gedanken überwacht, welche in ihrem physischen Aspekt, Blitze eines reinen, fahlen oder düsteren Lichtes sind. Es wäre sagte er, eine gewöhnliche Erfahrung bei Sehern, in intensiven Momenten rapider Gehirntätigkeit, deren Köpfe, - oft ihre ganze Umgebung -, von einer glänzenden Atmosphäre, die mit violetten Blitzen funkelte belagert zu sehen. Noch während er sich über diese Extravaganzen wunderte, blitzte es in Sturge's Erinnerung, daß er selbst in seiner Kindheit gewohnt war, genau solches violette Gefunkel über seinem Kopf zu sehen und er seiner kindlichen Phantasie freien Lauf gelassen hatte, bis reifere Jahre Verwunderung, Mißtrauen und das rasche Schwinden des Phänomens brachten.

Gab es denn für die Phantasien des Deutschen irgendeine rechtfertigende Erfahrung? Mit einer plötzlichen Regung, der er vergeblich zu widerstehen versuchte, fixierte er sein Auge scharf auf den Nebel außerhalb des Fensters und wartete. Plötzlich wurde er eines seltsamen Vorgangs in seinem Kopf gewahr, einem Drängen seiner selbst und all seiner Kraft zum Auge hin; dann erschien von einem Gehirn beobachtet, das sonderbar anormal ruhig war, die Vision von violetten Blitzen im Nebel und eine wachsende Aufregung in seinen Nerven. Eine ganze Welt wundersamer Schau erstaunlichen Tons alter und künftiger Erfahrung drückte zweifellos auf ihn und ging gegen irgendeine Barriere hoch, die gegen den Umgang war. Erstaunt und interessiert, aber ansich nicht verstört, versuchte sein Verstand sich einen Aufschluß darüber zu geben, was dort geschah. Um dieser Bemühung nachzuhelfen, fixierte er sein Auge zur Wiederholung oder Widerlegung von dem was er gesehen hatte, wieder auf den Nebel. Es gab keine weiteren violetten Blitze, aber sicherlich winkte, bildete und manifestierte sich etwas in der grauen Hülle da draußen. Es wurde hell, es wurde rund, es wurde deutlich. War es ein Gesicht oder eine Kugel? Mit einem enttäuschten Gefühlsumschwung, sah er sich mit nichts romantischerem im Angesicht, als einer Uhr. Er lächelte und wendete sich ab, um mit dieser fest vor Augen gestellten Uhr, seinen eigenen materiellen, unmystischen alltäglichen Begleiter auf dem Kaminsimms zu vergleichen. Sein Körper spannte sich mit einem überraschten Schock. Die Uhr war tatsächlich da und ihr ebenholzgefaßter, goldbeschrifteter Stundenregistrator, schwerelos auf einem üblichen Vater Chronos im Zentrum und zwei geflügelten Göttinnen am Rande ruhend; die Uhrzeiger, bemerkte er, näherten sich der Zwölf und der Fünf und es würde bald der Stundenschlag ausgeläutet. Aber was war dieser phantasievolle und ungewohnte Begleiter an seiner Seite, - fest, deutlich, Realität nachäffend, auch ebenholzgefaßt, aber silberbeschriftet, auf festem Sockel und nicht schwerelos ruhend, - auf die Stunde Acht mit gleicher Nähe, wie die wirkliche Uhr auf die Stunde Fünf zeigend? Er hatte noch Zeit zu bemerken, daß die Vier dieses Chronometers nicht mit den gewöhnlichen römischen Ziffern beschriftet war, sondern mit vier senkrechten und parallelen Strichen; - dann verschwand die Erscheinung.


Eine optische Halluzination! Wahrscheinlich stellte sich die geistige Vorstellung, höchst intensiv irgendein vertrautes Chronometer in einem freundlichen Wohnzimmer vor. In der Tat kam es ihm mehr als vertraut vor. Bestimmt kannte er es und hatte es mit Nachdruck eindeutig schon mal gesehen, - diese ebenholzfarbene Oberfläche, diese silberne Beschriftung, diesen stark ornamentierten Sockel, sogar diese vier Figuren! Aber wo, wann war es gewesen? Eine seltsame Schranke in seiner Erinnerung verwirrte seinen Geist, um vergeblich nach den verlorenen Details zu schweifen.

Plötzlich schlug die Uhr, - seine eigene Uhr -, fünf. Er zählte mechanisch die scharfen, klaren, vertrauten Klänge, begleitet von einem metallischen Widerhall. Und dann, bevor das Ohr sich von seinem Objekt abwenden konnte, begann eine andere Uhr, nicht scharf, nicht klar, nicht metallisch, sondern mit einem weichen, harmonischen Läuten und einem musikalischen Bimmeln am Ende. Und die Anzahl der Schläge war acht!

Sturge setzte sich an den Tisch und öffnete sein Buch ganz zufällig. Wenn dies eine Halluzination war, war es eine sorgfältig arrangierte und gut ausgeführte Halluzination. Spielte jemand hypnotische Kunststücke mit seinem Gehirn? Hypnotisierte er sich selbst? Sein Auge fiel auf die Seite und traf nicht auf mittelalterliches Latein, sondern auf altes Griechisch, obwohl in unhomerischen Hexametern. Sehr deutlich war die Beschriftung, sehr einfach die Bedeutung.

"Denn immer wandern die unsterblichen Götter über die Erde und kommen unvermutet zu den Wohnsitzen der Sterblichen; aber selten ist das Auge, das auf sie schauen kann, und seltener der Geist, der die Verkleidung von der Gottheit unterscheiden kann." (Homer)

Wieder Hypnotik! Denn er wußte, daß die originalen geistigen Werke des alten Mystikers, zwar subtil in der Substanz, im Ausdruck aber grob, abweichend, ermüdend, amorph, sich vom Anfang bis zum Ende mit griesgrämigen Latein plagten und nirgendwo mit Griechisch und mit Dichtung geschmückt waren. Da waren noch mehr Hexameter, bemerkte er und las weiter:

"Und auch die Menschen leben verkleidet im Sonnenlicht und niemals, von ihrer Geburt bis zu ihrem Tod, wirst du die Maske erhoben sehen. Oh nein, du selbst, Pelopes, hast du auch nur einmal den Daemon innerhalb deiner selbst gesehen?"

Die Hexameter hörten dort auf und im nächsten Moment erschien wieder die stoffliche Seite, mit ihrer ursprünglichen Beschriftung. Aber süß, harmonisch, sehr deutlich, bimmelte noch einmal das Glockenspiel der Geisterstunde. Und die Anzahl der Schläge war wieder acht.


Foto-CollageSturge Maynard stand auf und wartete auf ein etwas sichereres Zeichen, denn er ahnte, daß auf ihm ein außergewöhnlicher geistiger Zustand, eine unvergeßliche Erfahrung lag. Seine Erwartung wurde nicht getäuscht. Noch einmal läutete das Glockenspiel, aber es schien ihm dieses Mal, als ob zu ihm von der so gänzlich vertrauten Melodie bedeckt, eine Frauenstimme leidenschaftlich flehte. Doch waren diese zwei geisterhaften Klänge, Erinnerungen an diesen englischen Boden und an diese Geburt, oder kamen sie aus irgendeiner vorherigen Existenz, aus der sie ihn eindringlich und appelierend herausforderten, ihn auffordernd, sich an eine bittere Stunde, eine Gestalt die er getragen und abgelegt hatte, an einen Namen zu erinnern dem er geantwortet und vergessen hatte? Was es auch immer war, es war ihm nah, es berührte seine Herzensfasern stark. Und dann, dem achten Schlag sofort folgend, kam wie von weit her eine unverkennbare Geräuschexplosion, der Knall eines modernen Revolvers.

Sturge Maynard verließ den Kamin und das Zimmer, ging die Stufen hinunter, legte seinen Hut und Mantel an und bewegte sich in Richtung der Tür seines Hauses. Er hatte keine klare Idee wohin er gehen würde, oder von dem, was er tun mußte, aber was immer es sein mochte, es mußte getan werden. Dann fiel ihm ein, daß er seinen Revolver vergessen hatte, der in der Schublade seiner Garderobe lag. Er ging hinauf, bemächtigte sich der Waffe, lud sie, steckte sie in seine rechte Seitentasche, vergewisserte sich, daß die Tasche seine zwei Hausschlüssel enthielt, ging noch einmal die Stufen herunter und ging in einen der dichtesten Londoner Nebel hinaus, der feucht, erstickend und undurchdringlich war.

Er bewegte sich durch eine Welt, die außer im Gedächtnis, keine Existenz zu haben schien. Es gab keine Verkehrsbewegung. Nur ein gelegentlicher Kutscher kündigte mit heiserer Stimme, dann und wann den vorsichtigen Fortgang seines Fahrzeugs an. Sturge konnte nichts vor oder umsichherum sehen, - außer wenn er sich dem Bordstein näherte und ein Lampenpfosten bestrebt war, ihn schattenhaft zubestrahlen, oder auf der anderen Seite, ein geisterhaftes Fragment der Wand seinen Mantelärmel streifte. Aber er war sich des Bürgersteigs unter seinen Füßen sicher und er fühlte, daß er keine falsche Wendung machen konnte. Ein sichererer Führer als seine Sinne und sein Gedächtnis, führte ihn.

Er überquerte die Straße, betrat die Tore vom Hyde Park, überquerte in einer sicheren und geraden Vorwärtslinie, daß durch Nebel eingehüllte unsichtbare Freie, ging durch den Marmorbogen und in der Oxford-Straße zögerte er zum ersten Mal. Es gab zwei Frauen die ihm lieb waren, jede von ihnen konnte durch ihren Tod seine halbe Existenz in Verzweiflung stürzen. Zu welcher sollte er gehen? Dann entschied sein Verstand oder etwas innerhalb für ihn. Diese Spekulationen waren müßig. Er brauchte nicht zu seiner Schwester Imogen zu gehen. Welches mögliche Übel konnte ihr, in ihres Onkels gut ausgestatteten, gut geschützten, komfortablen Zuhause geschehen, - im glücklichen Kreislauf ihres Lebens, voller unschuldiger sorgloser und harmloser schöner Dinge.
Aber Renée! Renée war da anders.


Er setzte seinen Spaziergang in einer vertrauten Richtung fort. Wie er ging, blitzte es in seiner Erinnerung, daß sie ihm verboten hatte, sie heute zu besuchen. Es gab eine lebendige Erinnerung ihres verflossenen Lebens die zu ihr kam, jemand den sie nicht mit Sturge zusammentreffen lassen wollte, hatte sie mit ihrer gewohnten freimütigen Sorglosigkeit gesagt; - er dürfte nicht kommen. Er hatte nicht nachgefragt. Seit dem ersten Tag als er sie kannte, hatte er nicht gefragt und die Vergangenheit Renée Beauregard's war sogar für den Menschen ein Leeres, dem sie alles gegeben hatte. Es gab Raum in dieser Leere für ungewöhnliche Vorfälle, höchste Gefahren. Er erinnerte sich jetzt, daß ihr Abschiedsklaps fast erschütternd in seiner Stärke und Intensität war und ihre Rede, mit irgendeiner unerklärlichen Emotion vibrierend gewesen war. Er hatte es bemerkt ohne es zu beachten, da er mit seiner Leidenschaft beschäftigt gewesen war. Welcher Teil seines Geistes es auch immer bemerkt hatte, er hatte deren mögliche Ursache auf innerhalb der Grenzen des Üblichen beschränkt, wie es die Menschen gewöhnlich tun, - das Ungewöhnliche ignorierend, bis es sie ergreift und überrascht.

Er erreichte den Platz und das Haus in dem sie lebte, öffnete die Tür mit einem der Hausschlüssel in seiner Tasche, entledigte sich seines Mantels und Hutes und richtete seine Schritte zum Wohnzimmer. Ein Mädchen von neunzehn oder zwanzig erhob sich ruhig und blaß, dem offenen Eingang zugewandt. Der Griff ihrer Hand auf dem Stuhl, der starre Vorwärtsimpuls in ihrer Gestalt, war der Hinweis einer großen Emotion und einer heftigen Erwartung. Aber als sie ihren Besucher sah, errötete ihr Gesicht und Hand und Figur entspannten sich. Renée Beauregard war eine Französin aus dem Süden, reich an körperlichen Vorzügen und nervlicher Vitalität, sowie im Elan ihrer Zunge und ihres Geistes. Ihre exquisiten vollen Glieder, ihr schwungvoller Gang, die Beweglichkeit ihrer purpurroten Lippen, ihrer lächelnden dunklen Augen, stellten großen Anspruch an das Leben, an Erfolg, Vergnügen und Liebe. Aber in der unbesiegbar glücklichen Flamme der Augen war im Moment, ihren natürlichen Ausdruck heimsuchend und entstellend, der Schatten einer tragischen Enttäuschung. Dies war klar und deutlich eine Frau mit einer Vergangenheit, - und einer Gegenwart und ihre Natur, wenn nicht ihr Schicksal, verlangte eine Zukunft.

"Sturge!" Sie machte einen Schritt in Richtung der Tür. Sturge ging hinüber zum Kamin und nahm ihre Hand.

"Ich vergaß dein Verbot, bis ich zu nah war um zurückzugehen und da war der Nebel und Zurückgehen trostlos und du warst hier!"

"Du hättest nicht vergessen sollen!" sagte sie, aber sie lächelte, sehr erfreut seines Kommens. Dann bemächtigte sich wieder der dunkle Blick jener lächelnden Augen. "Und du mußt zurückgehen. Nein, nicht jetzt. In einer Viertelstunde. Du kannst für eine Viertelstunde dableiben."

Sie hatte kurz die Uhr angesehen und seine Augen folgten den ihren. Er sah ein ebenholzgefaßtes Chronometer, silberbeschriftet, festversockelt, das die Zahl Vier in parallelen Strichen wiedergab und lächelte bei den seltsamen Tricks, die seine Erinnerung mit ihm gespielt hatte. Es war fünf Minuten nach sechs.

"Ich gehe zu Imogen," sagte er sehr nachdenklich. Sie sah ihn an, sah die Uhr an, flehte dann impulsiv sich zu ihm neigend: "und du kommst um Acht und speist mit mir! Rachel soll das Gedeck für zwei legen." Dann fuhr sie zurück, als ob sie ihre Einladung bereute.

Um acht! Ja, er würde mit ihr speisen, nachdem er seine Arbeit gemacht hatte. Das schien die Anordnung zu sein, - nicht ihre, aber wessen? Des Daemonen vielleicht, des Gottes innen oder außen. Sie saßen für eine Weile miteinander redend und es schien ihm, daß ihr Gespräch in der Form nie so alltäglich oder so voller vibrierender Emotion gewesen war. Um zwanzig nach sechs stand er auf, nahm Abschied und ging in den Nebel hinaus; aber sie folgte ihm zur Tür, half ihm in seinen Mantel und zitterte sichtlich, als sie es tat. Und bevor er ging, umarmte und küßte sie ihn einmal, nicht ungestüm, sondern mit großer Ruhe und wie mit irgendeinem schicksalshaften Entschluß, der sich in diesem Moment in ihrem Herz gebildet hatte und sich in ihrer Liebkosung ausdrückte.

"Ich werde um Acht zurück sein," sagte er ruhig. Er hatte ihre Umarmung geduldet, aber nicht erwidert.

Um acht! Ja und noch davor. Aber er sagte ihr das nicht. Er schlenkerte mit einem leichten, klaren und unachtsamen Kopf, aber mit einer intensiven Ruhe in seinem Herzen durch den Nebel, zum Wohnsitz seines Onkels. Er erreichte den Ort in einer sehr aristokratischen Nachbarschaft und wurde von einem beleibten Lakaien eingelassen. Sir John war außer Haus, aber Fräulein Imogen Maynard war zu Hause. Die folgende Stunde verbrachte Sturge völlig ruhig und leicht; denn in seiner Schwesters alltäglicher anziehender persönlicher Rede, leichtfertig über Lebensoberflächen, Vergnügungen und Theater, Bücher, Musik, Gemälde eilend, variierend mit Politik und einem Schatten feinen, anspielenden Klatsches, verlor sein Herz unmerklich seine Spannung und wich sogar in das Übliche zurück, das Innen im Außen vergessend.

Etwas später in der nächsten Stunde, war es Imogen Maynard die aufstand und sagte: "Zehn Minuten vor acht, Sturge. Ich muß gehen und mich anziehen. Du bist sicher, daß du nicht speisen willst?"

Sturge Maynard sah auf die Uhr und sein Herz stand still. Er bot seiner Schwester ein eiliges Adieu, lief die Stufen hinunter, hielt seinen Hut und Mantel fest und war im Gehen seinen Mantel anziehend, draußen im Nebel. Er vergewisserte sich des Revolvers und der Hausschlüssel, dann fing er an zu laufen. Seine große Furcht war, daß er die Abzweigung in seiner Eile verfehlen und nach dem Stundenschlag ankommen könnte. Aber es war schwer die einzige offene Stelle in einer halben Meile zu verpassen! Und der Daemon? War er nur der Geist der Prophezeiung? War er nicht gekommen um zu retten?


Er wendete sich zum Platze Renées. Wie er die Stufen zum Haus betrat und hinaufstieg, ging die Erregung vorbei und mit gleichmäßigen Puls und beruhigten Nerven, wandte er sich der Wohnzimmertür zu. Er hatte seinen Hut beiseite geschleudert, aber nicht darauf gewartet sich des Mantels zu entledigen. Seine Hand war in der Tasche und der Kolben des Revolvers lag in seiner Hand.

Die Tür war offen und, welch ungewöhnlicher Umstand, vom japanischen Schirm verdeckt. Er stand an dessen Kante und untersuchte das Zimmer, das äußerst still, aber nicht leer war, denn auf dem Teppich vor dem Kamin, standen an einem Ende Renée Beauregard und ein Mann der Sturge unbekannt war; er, - sie ansehend als ob auf ihre Rede wartend, sie, - ruhig, blaß, resolut im Schweigen, mit der schweren Last ihrer Vergangenheit in ihren Augen. Der Rücken des Fremden war halb zu Sturge gewandt und nur ein Teil seines Profils war sichtbar, aber der Engländer zitterte, selbst wie er ihn ansah vor Haß. War es dies, was er tun mußte? Er nahm den Revolver heraus und legte seinen Finger auf den Auslöser. Dann sah er kurz zur Uhr, - es fehlten vier Minuten bis zur vollen Stunde-, und wieder zum Fremden, - auch in seiner Hand war ein Revolver und auch sein Finger ruhte auf dem Auslöser. Sturge Maynard lächelte.

Dann hörte man die Stimme des Mannes:

"So muß es dann sein, Idalie, sagte er in dünner, schrecklicher, trauriger Klaghaftigkeit. Du hast es entschieden. Hege keinen Groll. Du weißt, daß dem nicht abgeholfen werden kann. Du mußt sterben."

Sturge erinnerte sich daran, daß Idalie Renées zweiter Name war, aber sie hatte ihm immer verboten, ihn zu verwenden. Die dünne Stimme fuhr fort, dieses Mal mit einer Note seltsamer Aufregung in ihrer Klaghaftigkeit.

"Und du wirfst alles auf mich! Was macht es, wie ich dich bekam, was ich hinterher tat? Alles ist einem Liebenden erlaubt. Und ich liebte dich. Es ist gefährlich mit der Liebe zu spielen Idalie. Du siehst es jetzt!"

Sturge sah den Mann an. Gefahr für sie gab es nicht, aber große Gefahr für diesen starren, dünnstimmigen Mörder, diesen Mann, den Sturge Maynard mit jedem Muskel seines Körpers, mit jeder Zelle seines Gehirns haßte. Es schien ihm, daß sich jedes Glied von ihm, mit Mordenergie weitete und mit dem siegreichen Impuls zu Töten vibrierte. Es war Nebel draußen, was für ein Nebel! Und er konnte den Körper leicht loswerden. Wirklich, das war eine gute Anordnung. Gott machte manchmal die Dinge sehr klug. Und er lachte im Innern über die Grimmigkeit seines Einfalls. Und doch glaubte er irgendwie daran. Gottes Werk, nicht seines. Und doch auch seines, vorherbestimmt, - seit wann? Aber die verhängnisvolle Stimme fuhr fort:

"Ich gebe dir noch eine Chance, Idalie - immerhin, immerhin eine Chance. Gehst du mit mir? Du bist falsch zu mir gewesen, falsch samt deinem Körper, falsch samt deinem Herzen. Aber ich verzeihe. Ich verzeihe dein Verlassen, ich verzeihe auch dies. Komm mit mir, Idalie. Und falls nicht, - Renée Idalie Marviranne, es ist dabei acht zu schlagen und wenn die Stunde geschlagen hat, schlage ich. Es ist Gott, der dich mit dieser meiner Hand erschießt, - der Gott der Gerechtigkeit, der Gott der Liebe. Es sind beide, gegen die du verstoßen hast. Kommst du?"

Sie schüttelte ihren Kopf. Eine tödliche Blässe fegte über den Mann. "Dann ist es getan, schrie er, du hast es getan. Du mußt sterben." Er richtete die Pistole auf sie und sein Finger schloß sich auf dem Auslöser. Sturge blieb unbeweglich. Nichts konnte geschehen, ehe nicht die Stunde schlug. Das war der bestimmte Moment und niemand konnte das Schicksal eine Sekunde überschreiten. Der Mann fuhr fort:

"Sag' es nicht eher, als bis die Uhr schlägt! Es ist bis dahin Zeit. Wenn ich dich erschieße, läuft Rachel herauf und ich werde sie auch erschießen, - ich ließ die Tür offen, so daß sie das Geräusch hören könne. Wer sonst in England weiß, daß ich existiere? Ich werde hinaus gehen wenn ihr beide tot seid, - oh, nicht zuvor. Es ist Nebel, es gibt keine Seele ringsumher und ich werde sehr ruhig weggehen. Niemand sieht, niemand hört. Gott hat mit seinem Nebel die Welt geblendet und taub gemacht. Du siehst, daß Er es ist, oder es würde nicht alles so perfekt für mich arrangiert worden sein."

Foto-CollageSturge Maynard lächelte sehr grimmig. Menschen die einander haßten, konnten schien es, sehr ähnliche Ansichten haben. Vielleicht war es deshalb, daß sie kollidierten. Gut, wenn es Gott war, so war Er ebenfalls ein tragischer Künstler und kannte die poetische Wirksamkeit von dramatischer Ironie! Alles worauf dieser Mann rechnete, oder was er für seine Tat und seine Sicherheit arrangiert hatte, war oder wäre seinem eigenen Henker hilfreich gewesen! Und dann befiel ihn das Bewußtsein, daß dies alles vorher geschehen war. Aber nicht hier, nicht in dieser englischen Umgebung! Ein großer verschwommener, grüner Fleck die Uhr undeutlich machend, kam vor seine Augen. Dann stürzte es förmlich auf ihn, - grünes Gras, grüne Bäume, grünbedeckte Steine, ein grünes Meer und auf dem Rasen ein mit dem Gesicht nach unten liegender Mann, - in die Rückseite gestochen, über ihm sein Mörder, das Stilett frisch mit Blut befleckt. Ein Boot schaukelte auf dem Wasser; es war für die Flucht des Mörders besorgt worden und in ihm lag eine Frau gebunden. Sturge kannte jene fremden Gesichter sehr gut und erinnerte sich daran, wie er tot auf diesem Rasen gelegen hatte. Es war eigenartig, alles in diesem Wohnzimmer mit dem verhängnisvollen modernen ebenholzgefaßten Chronometer, durch das Grün von Mittelmeerbäumen gegenüber wiederzusehen! Aber es würde dieses Mal sehr unterschiedlich enden.

Dann erklang die Stimme der Frau, - kalt, stark wie der Klang von Eisen. "Ich gehe nicht," sagte sie einfach. Und die Stunde schlug. Es schlug einmal, es schlug zweimal, dreimal, viermal. Und dann hob sie ihre Augen und sah Sturge Maynard von der Seite des Wandschirms vorwärts gehen. Er war ein guter Schütze und es bestand kein Risiko, daß er es verpfuschte und sie tötete. Aber er wollte sich vergewissern!

Die Frau hatte in ihrer Stärke eine fabelhafte Selbstbeherrschung aufgeboten und sie brach auch jetzt nicht, - weder bewegte sie sich, noch äußerte sie einen Laut. Aber ein Blick kam in ihre Augen, tief in seinem Appell, schrecklich in seinem Vorschlag. Denn es war ein Schrei nach Leben, ein Befehl zu morden.

Der dem Untergang geweihte Mann sah auf die Uhr, nicht zu ihr, noch weniger nach irgendeiner möglichen Gefahr von hinten. Er sah auf, als das achte musikalische Gebimmel sich legte und Sturge sah, wie seine hellen, festen, grausamen Augen, wie jene einer Bestie schimmerten. Er presste seinen Finger auf den Auslöser.

"Es ist aus!", schrie der Mann. Und als er sprach, schoß Sturge Maynard. Das Zimmer schallte von dem Schuß, sich mit Rauch füllend. Als der Rauch abzog, sah man den Fremden auf dem Teppich ausgestreckt; sein Kopf lag bei den Füßen der Frau, die er verurteilt hatte.

Da war ein Laufen von Schritten im Flur und Rachel das Mädchen trat ein, - wie der Mann der dort lag, vorausgesehen hatte. Sie zitterte als sie kam; aber sie sah den Mann auf dem Teppich, stand still, fand festen Halt und lächelte. "Wir müssen ihn sofort in den Nebel hinaus tragen," sagte sie einfach auf Französisch. Mit gleichzeitigem Impuls gingen sowohl sie als auch Sturge an die Leiche heran. Dann lief Renée, die in eine aufgeregte Stimmung ausbrach, zu Sturge und ihre Hand auf seine Schulter legend, tat sie wie um ihn aus dem Zimmer hinauszudrücken.

"Ich sehe danach, stieß sie hervor, geh!"

Er wandte sich ihr mit einem Lächeln zu.

"Du mußt sofort gehen wiederholte sie, um meinetwillen, werde nicht in diesem Haus gefunden. Andere außer Rachel können den Schuß gehört haben."

Aber er nahm sie bei den Handgelenken, zog sie vom Kamin hinweg und setzte sie in einen Stuhl.

"Wir verlieren Zeit, Monsieur", sagte Rachel nochmal.

"Es ist besser Zeit zu verlieren Rachel, sagte er, wir geben dem Schicksal zehn Minuten." Und die Dienstfrau nickte und zur Leiche gehend, begann sie die Wunde methodisch mit ihrer Schürze zu verschnüren. Die anderen warteten in absoluter Stille. Sturge arrangierte in seinem Geist die Erklärung die er geben würde, wenn irgend jemand den Knall gehört hatte und zu ihnen eindringen würde. Aber Stille und Nebel blieben um das Haus bestehen.

Sie nahmen den Körper auf. "Wenn es irgend jemand bemerkt, wir tragen einen betrunkenen Mann nach Hause, sagte Sturge. Tragt ihn vorsichtig, es darf keine Blutspur geben." Und so trugen sie den Mann, der lebend aus fremden Ländern gekommen war in den englischen Nebel hinaus und legten ihn auf öffentlicher Straße, weit von dem Haus und Platz nieder, wo er umgekommen war. Als sie zum Zimmer zurückkehrten, nahm Rachel den blutbefleckten Teppich und die Schürze auf, einzige Zeugen der Sache die gemacht worden war.

"Ich werde das vernichten, sagte sie, und den Teppich vom Zimmer Madame's holen. Und dann, sagte sie so einfach wie vorher, werden Monsieur und Madame speisen."

Renée erschauerte und sah Sturge an.

"Ich bleibe hier, sagte er, bis der Körper gefunden ist. Wir sind nunmehr unlöslich und für immer verbunden Idalie." Und wie er den ungewohnten Namen leicht betonte, war ein Blick in seinen Augen, dem sie sich nicht zu widersetzen wagte.

In dieser Nacht als Renée zu ihrem Zimmer gegangen war, erinnerte sich Sturge der über dem Feuer saß, daß er ihr nicht den eigenartigen Vorfall erzählt hatte, der heute eine Tragödie gebracht und eine andere verhindert hatte. Als er in ihre Kammer ging, kam sie tief aufgerührt zu ihm und drückte ihn ungestüm.

"Oh, Sturge, Sturge! rief sie aus, daran zu denken, wenn du nicht versucht hättest zu kommen, das ich jetzt tot wäre, - von dir genommen, genommen von Gottes schöner Welt!"

Zufällig! Es gibt keine solche Sache wie Zufall in dieser Schöpfung, dachte Sturge. Wer hatte ihm aber dann diese mystische Warnung gegeben? Wer hatte den Revolver in seine Hand gelegt? Oder ihn im Auftrag des Niedermetzelns gesandt? Wer hatte Imogen gerade zur richtigen Zeit zum Aufstehen gebracht? Wer hatte diesen Schuß im Wohnzimmer abgeschossen? Der Gott im Innern? Der Gott im Äußeren? Die Östlichen sprachen von Gott in einem Menschen. Dies könnte gut Er sein. Und dann kehrten in seiner Erinnerung jene heftigen Emotionen zurück, der Haß der in ihm hochgekommen war, der Impuls und die Freude des Gemetzels, das Lied des Jubels das sein Blut in seinen Venen dazu sang, weil ein Mensch der gelebt hatte tot war und nicht wieder zum Leben zurückkehren konnte. Er erinnerte sich auch an den Befehl in Renée's Augen. Gott im Menschen? War dann Gott im Menschen ein Mörder? In ihm? Und in ihr?

Zu sonderbar so zu Denken, um Nachzuforschen, schloß er, - aber er hat seine Welt wirklich sehr sonderbar gemacht.

Dann erzählte er ihr von dem deutschen Mystiker und dem Schlagen der Geisterstunde, die ihn im tragischen Moment ihrer Schicksale zu ihr gebracht hatte. Und wie er vom Daemon im Innern sprach, verstand die Frau besser als der Mann.

Ende


Anmerkung: Das Wort Daemon bitte nicht mit Dämon verwechseln. Ersteres wird hier in der Bedeutung des inneren göttlichen Führers im klassischen griechischen Sinne verstanden, während letzteres ein teuflisches Wesen bezeichnet.

Das Foto wurde mir freundlicherweise von Robert Braun zur Verfügung gestellt.

Orginaltitel "The Phantom Hour".

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