![]() |
Meine Wanderung nach Nogaret und der Aufenthalt in der Communitée de l'Arche in Südfrankreich im Jahre 1970 | ![]() |
Erschöpft unter der heißen Sonne Südfrankreichs sich dahin schleppend, wanderte seit Stunden ein etwa 30 jähriger junger Mann, durch eine ihm unbekannte Gegend in den Bergen des Heraults. In der Stadt Lodeve hatte man ihm vage den Weg zu einer Gemeinschaft irgendwo in den Bergen gewiesen und nun nach stundenlangen Wandern durch nahezu menschenleere Gebiete, hatte er fast den Mut verloren und hoffte auf irgendeine Behausung, um sich auszuruhen. Der Pfad hatte sich mal auf mal ab, durch niedriges Gestrüpp gewunden und niemals konnte man irgendein Ziel in der Ferne entdecken. Der erschöpfte junge Mann war natürlich ich selbst.
Endlich erspähte er oben in der Ferne so etwas wie ein Gebäude und beim Näherkommen erahnte er, daß er sein Ziel erreicht hatte. Näher und näher ging es bergauf. Oben angekommen, wurde er von ein paar freundlich blickenden Menschen empfangen und er versuchte mit seinem gebrochenen Französisch sich verständlich zu machen. Repose toi, sagten die Frauen und boten mir eine Erfrischung an. Ich verstand nicht was sie sagten, nahm aber ihr Angebot dankend an, welches in einem kühlen Getränk bestand. Ich begriff, daß ich mich noch nicht im eigentlichen Sitz der Gemeinschaft befand, sondern nur in einem ihrer Außengebäude. Das eigentliche Hauptgebäude lag noch etwas weiter entfernt. Aber ich befand mich nahe am Ziel und es machte mir nichts aus, noch etwas weiter zu marschieren.
Nachdem ich mich an ihrer Erfrischung gelabt hatte, beschloß ich mich wieder aufzumachen und zum Hauptgebäude zu marschieren. Nun ging es immer auf der Höhe entlang, mit einem herrlichen Seitenblick in das Tal aus dem ich heraufgewandert war. Die Gegend war überaus lieblich und ich genoß die Situation. Fröhlichen Herzens näherte ich mich dem Hauptsitz genannt La Borie Noble. Eine Gruppe von ein bis zweistöckigen Häusern kam auf mich zu. Es waren einige Leute dort beschäftigt und ich bemühte mich meine Wünsche zu äußern, bis man mir eine ältere Dame aus dem Elsaß zur Verfügung stellte, die Gott sei Dank Deutsch sprach und somit alle Verständigungsproblem löste. Marianne, eine liebenswerte alte Dame, die mir sehr viel von sich erzählte und dabei auch traurig gestand, daß sie den Fisch den sie so gerne gegessen hatte, hier nun aufgeben mußte. Später korrespondierte ich noch einige Male mit ihr.
Ich durfte einige Tage bei ihnen bleiben und man wies mir eine Lagerstatt in einem einfachen, aber sauberen und schlichten Gebäude an, das sich als die Herberge für ihre Gäste erwies. Dort waren bereits einige Gäste anwesend und ich konnte mich auf Englisch mit ihnen unterhalten.
Von den umgebenden Bergen wehte ein süßer reiner, klarer Duft herunter, der wohl vom blühenden Ginster herrührte. Er machte mir den Aufenthalt sofort sympathisch. Auch die Atmosphäre am Platz war von einer lauteren hellen Spiritualität, die mich sofort einnahm. Immer hatte ich die Askese geliebt und materieller Besitz hatte mir nie sonderlich etwas bedeutet. Die Menschen die ich dort traf, machten einen einfachen und schlichten zufriedenen Eindruck. Man spürte, daß es hier um mehr ging, als nur um die gewöhnlichen Bedürfnisse. Nahezu ein klösterliches Leben empfing mich, obwohl sich alles in freier Umgebung abspielte. Der Komplex war rings von einem niedrigen Wald und einigen Feldern umgeben und in eine hügelige Landschaft eingebettet. Die Felder waren über und über von kleinen Steinen bedeckt, was den Eindruck der Kargheit und Askese des Ortes noch verstärkte.
Als ich mich zu ihnen zum Mittagessen an den Tisch setzte, bekamen wir ein hervorragendes Mahl serviert. Niemals zuvor hatte ich eine so köstliche Küche genossen. So einfach in ihrer Komposition, doch so süß und schmackhaft. Von ihrer Nahrhaftigkeit ganz zu schweigen. Und das Brot, - oh nicht zu beschreiben. Was war sein Geheimnis? Köstlich, köstlich kann ich nur sagen. Gewiss spielte ihre psychologische Verfassung eine Rolle, mit der sie das Mahl sowie das Brot bereiteten, sie hatten ihr Leben der Gewaltlosigkeit gewidmet und ihre Küche hatte ihre Friedfertigkeit angenommen. Später lernte ich den Bäcker kennen, einen verheirateten jungen muskulösen Mann, der sich dem Hatha-Yoga gewidmet hatte, mitsamt seiner Familie hier lebte und den man bei seinen Yoga-Übungen, immer süß verzückt die Augen verdrehend, zusehen konnte. Alle liebten ihn. Ich glaube er hieß Erowan.
Ich war während des Gast-Aufenthaltes auf dem Felde beschäftigt und nahm so an ihrem täglichen Rhytmus teil. In einem bestimmten zeitlichen Abstand läutete eine Glocke und man sammelte sich auf ihren Ruf hin zu einem inneren Gebet. Lanza del Vasto der Gründer dieser archaischen Gemeinschaft, hatte die Bestimmungen des Zusammenlebens festgelegt und man hielt sich sehr streng daran. Auch wir Gäste mußten natürlich ihre Regel respektieren. Am Abend nach getaner Arbeit, versammelte man sich, bildete einen Kreis und hielt sich bei den Händen. Es folgte ein Gebet und anschließend ging man aufeinander zu, küßte sich und ging brüderlich auseinander. Obwohl etwas in mir dieser Zeremonie widerstrebte, fügte ich mich und überwandt meine Abneigung. Sentimentalitäten waren mir von je verhaßt.
![]()
Lanza del Vasto, der von Mahatma Gandhi den Namen Shantidas - der Friedensbringer, erhalten hatte, sah ich nur spärlich. Er trug einen Nimbus von Erhabenheit um sich, der mich zwar beeindruckte, aber auch etwas scheu machte. Er spürte es wohl und nickte mir jedesmal wenn er mich sah, aufmunternd lächelnd mit dem Kopf zu. Manchmal sah ich ihn mit anderen zusammen arbeiten, doch sonst immer wie in den Wolken spazieren gehend, ein Buch in der Hand und tief in Gedanken versunken, auf einsamen Wegen wandern. Einmal stoppte er als er mich sah, ging auf mich zu und fragte mich mit seltsam bewegter Stimme, was ich von dem Ganzen hier hielte. Ja, sagte ich spontan von der Situation ergriffen, ich glaube es ist ein Weg zu Gehen. Wir wurden dann von irgendetwas anderem unterbrochen und konnten nicht weiter zusammen reden.
Später, als man nach einer Zusammenkunft die Gäste auf die Zimmer der Mitglieder einlud, gab er mir die Ehre. Einerseits stolz, war ich andererseits sehr verschüchtert. Als ich mit meiner Begleiterin Marianne als Dolmetscherin in sein Zimmer trat, war seine Frau Schantarelle bei ihm und wir setzten uns zum gemeinsamen Mahl. Es gab Maronenpüree, was mir überhaupt nicht schmeckte und mir ein bißchen den Spaß an der Sache nahm. Tapfer nippelte ich an meinem Teller. Er fragte mich dann nach meinen Plänen, da ich keine hatte konnte ich ihm nicht sehr viel sagen und er mußte mich wohl für einen Tropf halten. Ich meinerseits machte aus Verlegenheit eine etwas ungeschickte Bemerkung über die Lieder die sie am Abend sangen, die mir aber irgendwie fremd klangen, und hatte ihn wahrscheinlich damit verletzt, denn er schwieg darauf hin länger. Seine Frau die meine Verlegenheit bemerkte, rief mir zu Courage! Shantidas lud mich dann dazu ein bei ihnen zu bleiben und später das Gleiche in Deutschland zu gründen. Es beschämte mich, daß er mir soviel Wert beimaß und wußte nicht was ich dazu sagen sollte, da ich keinelei Ambitionen in dieser Richtung hatte und ich ihn auch nicht wieder verletzen wollte. Als wir uns verabschiedeten, sagte er mir einige kräftigende Worte, die mir sehr halfen, - auch später noch.
Danach genoß ich meinen Aufenthalt noch einige Tage weiter, schloß mit einigen Gästen Freundschaft, bis ich später die Gemeinschaft wieder verließ und mich einem anderen Ziel zuwandte. Im unteren Dorf arbeitete ich noch einige Tage als Gelegenheitsarbeiter, um mir ein par Franken zu verdienen, wurde schmählich von einem gräßlichen Vorarbeiter betrogen und begab mich dann wieder auf meine Wanderungen. Mein Ziel war Bardou, ein kleines Dorf in den Bergen, das von einem Deutschen namens Klaus aufgekauft worden war und das Ziel einer Avantgarde war, die zufrieden war, wenn sie der Zivilisation entfliehen und ein anarchistisches Dasein in den Bergen führen konnte, welches Klaus nur mit Mühe in einer gewissen Kontrolle hielt, zumal sich der Überdruß des Nichtstuns sehr schnell bemerkbar machte. Wein, Weib und Gesang war unsere Devise dort, - der totale Gegensatz zur Arche. Eine Zeitlang gefiel es mir, muß ich gestehen. Aber ich sah doch sehr bald die Hohlheit und Leere dieses Lebens, machte mich weiter auf meine Reisen und wendete mich anderen Zielen zu.
R.Helmecke
![]()
Titelseite || Zurück
© Copyright Webside Literaturen